Heimo Zobernig. Grenzgänge im Ausstellungsraum

Installationsansicht zur Austellung Heimo Zobernig, 2011

Installationsansicht zur Austellung Heimo Zobernig, 2011 © Foto Archiv HZ

„Es ist nicht leicht, über die Arbeit Heimo Zobernigs zu schreiben.“ Diesen Ausspruch habe ich immer wieder gehört und nach Lesen zahlreicher Texte und vielen Gesprächen mit dem Künstler habe ich mich mit großem Respekt an die Aufgabe herangewagt, einen Katalogtext zu diesem sehr vielschichtigen Werk zu verfassen. Der Aufsatz ist bewusst ausstellungsbezogen geschrieben und in einer relativ einfachen Sprache verfasst, was für eine Abhandlung über Zobernig vielleicht überraschend ist. Der Text ist beschreibend, auch interpretierend, aber er gewährt hoffentlich auch genügend Raum für einige Interpretationen und Sichtweisen. Das ist dem Künstler nämlich sehr wichtig. Hier eine kurze Zusammenfassung.

Günther Oberhollenzer

 Heimo Zobernig. Grenzgänge im Ausstellungsraum

 „Ich versuche nicht, das Neue zu erfinden,

sondern in der Verschiebung des Bekannten aufzuspüren.“[1]

Heimo Zobernig

Betreten Besucher die Ausstellung von Heimo Zobernig im Großen Saal des Essl Museums, begegnet ihnen ein roter Vorhang, zahlreiche handelsübliche Stühle, fast ein Dutzend (Transport-)Kisten, ein großes weißes Podest oder auch ein käfigartiger Würfel, der als Depot für Malereien des Künstlers fungiert. Wie häufig in seinem Werk behandelt und hinterfragt Heimo Zobernig auch in dieser Personale gängige, institutionell bedingte Präsentationsmechanismen und überhaupt das Zurschaustellen, das Ausstellen von (Kunst-)Objekten. Der Künstler lotet Randbereiche der Kunst aus, er lenkt die Aufmerksamkeit auf Objekte wie Sockel, Podeste, Vorhänge oder Stühle, die bisher unsichtbar oder übersehen im institutionellen Feld existierten, und verleiht ihnen einen eigenen künstlerischen Kontext.

Installationsansicht zur Austellung Heimo Zobernig, 2011 © Foto Archiv HZ

Installationsansicht zur Austellung Heimo Zobernig, 2011 © Foto Archiv HZ

Zobernig hat die Ausstellung selbst gestaltet und greift auf bereits realisierte Werkideen zurück, um sie in anderen inhaltlichen Zusammenhängen neu zu präsentieren. So begleitet ihn schon seit einigen Ausstellungen ein großer „videoroter“ Vorhang, der nun auch im Essl Museum seine Verwendung findet. Einer architektonischen Klammer gleich erstreckt er sich durch den ganzen Saal und verändert dadurch den Raum und seine Architektur. Die Besucher befinden sich in einem bühnenhaften Setting zugleich vor und hinter dem Vorhang, es bleibt in der Schwebe, ob sie nur Zuseher oder auch Akteure sind. Zobernig nähert sich dem Raum nicht als Architekt, sondern als bildender Künstler. Der Vorhang ist Raumteiler und eigenständige Skulptur oder vielmehr etwas dazwischen. Davor stehen (Architektur-)Modelle aus den 1980er Jahren auf großen Transportkisten, die als Sockel dienen. Ihnen verleiht Zobernig genauso viel Bedeutung wie den darauf präsentierten Werken. Die kleinformatigen Arbeiten bestehen aus einfachen Werkstoffen des alltäglichen Gebrauchs, wie Pressspanplatten oder Karton. Sie haben nichts Edles oder Dauerhaftes, in ihrer nüchternen Materialität konterkarieren sie jene transzendente Aura, die Kunstwerken sonst zugeschrieben wird. Dennoch – und dies mag wie ein Widerspruch erscheinen – geht von den Arbeiten, wie überhaupt von der Gesamtpräsentation, gerade durch die Reduktion und Stringenz von Material und Präsentation eine starke, vielleicht unerwartete Sinnlichkeit aus. Gewollt oder auch ungewollt wirkt sie sehr ästhetisch.

Ein käfigartiger Stahlwürfel mit vier Meter Kantenlänge dominiert den hinteren Teil des Ausstellungsraumes. Er wirkt wie ein kleines Kunstdepot, das in den Ausstellungsraum transferiert wurde. Im Inneren hängen Malereien des Künstlers aus der Sammlung Essl, für den Betrachter sind sie allerdings nur teilweise einsehbar. Eine ironische Geste, werden sie doch nicht „wie üblich“ an den Wänden des Ausstellungsraumes präsentiert, sondern in einem Stahlkäfig versteckt.

Im vorderen Bereich des Großen Saals teilt der Vorhang ein großes Podest in zwei Teile. Auf der einen Seite sind 33 golden bemalte Stühle – wie zufällig oder auch nicht – arrangiert. Sie sind mehr als Stühle, sie erscheinen wie Skulpturen. Dennoch sind sie weder genau das eine noch das andere und verweigern sich klaren Zeichen- und Begriffszuschreibungen. Die andere Seite des Podestes bleibt leer und wird zur Bühne – zumindest zeitweise. Auf ihr fand das Eröffnungskonzert von „La Stampa“ statt, einer Berliner Popgruppe mit dem Frontman Jörg Heiser, Kunstkritiker, Autor und Mitherausgeber des Kunstmagazins „Frieze“. Während der gesamten Ausstellungszeit wird der Große Saal immer wieder zum Konzertraum, die musikalischen Darbietungen sind integraler Bestandteil der Schau. Der Vorhang ist das verbindende Element der verschiedenen Ebenen: Musik(er) und Publikum, Ausstellung und Konzert.

Zur künstlerischen Ausstellungsgestaltung gehört für Heimo Zobernig auch die grafische Umsetzung der Ausstellungsdrucksorten. Plakat, Einladungskarte, Folder und Katalog wurden zusammen mit dem Künstler entwickelt. Der Katalog – oder vielmehr das Künstlerbuch – mit zahlreichen Fotos der Ausstellung wir im Mai erscheinen.

„Vieles, was ich sagen möchte“, so Zobernig, „lässt sich nicht mit Worten beschreiben, der reale Effekt lässt sich nur durch das Herstellen dieser Situation erzeugen.“[2]

Zur Ausstellung >Heimo Zobernig<, 2011


[1] Heimo Zobernig. „Identität ist eine wandernde Sache“. Ein Gespräch mit Claudia Herstatt, in: Kunstforum international, Bd. 170 (2004), hg. v. Sven Drühl und Oliver Zybok, S. 196–207, hier S. 203.

[2] Wenn die Kunst spricht. Ein Interview von Isabelle Graw mit Heimo Zobernig, in: Heimo Zobernig. Kunst und Text, Leipzig: Verlag der Galerie für Zeitgenössische Kunst 1998, S. 43–94, hier S. 72.

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