Wie Zweifel entstehen.

Einige Bemerkungen zu den Jurysitzungen für den EAA CEE 2011

Die Jurymitglieder Andreas Hoffer und Silvia Köpf halten ein kurzes Zwischenresumüee nach 1 Woche Essl Art Award 2011. Von 30. Mai bis 3. Juni befindet sich das Jury Team wieder auf Reise: Diesmal durch Tschechien, Rumänien und Bulgarien.

Die Arbeit in einer Jury für einen Kunstpreis beginnt mit der Auseinandersetzung mit den Einreichungen, in unserem Fall Werke von Kunststudierenden aus sieben Ländern Zentral- und Südosteuropas. Hunderte Arbeiten sind via Internetbewerbung zu sichten, immer im Wissen, dass, sofern es sich nicht um Videos handelt, das Internet nur eine ungefähre Einschätzung der künstlerischen Positionen zulässt. Zu oft wurden wir überrascht, wenn wir die Werke im Original gesehen haben. Aus den über 400 Einreichungen haben wir pro Land 10 Nominees ausgewählt, deren Arbeiten vor Ort von der Jury begutachtet und diskutiert werden und aus denen jeweils zwei Essl Art Award Preisträger gewählt werden.

Essl Art Award Jury Sitzung in Budapest - Foto: Erwin Uhrmann

Beim Voting via Internet haben wir, meine Kollegin Silvia Köpf, die Leiterin des Projekts und ich, gemeinsam eine Stimme. Obwohl wir aus unterschiedlichen Kontexten und Generationen auf die Kunst schauen, sind unsere Entscheidungen für die Nominees sehr gemeinschaftlich gefallen, die Argumente waren klar und es gab eindeutige Präferenzen, die wir auch begründen konnten. Auch bei der Vorbereitung für die Juryreise, beim nochmaligen Anschauen der jeweils 10 Nominees und der Festlegung unserer Favoriten waren wir uns über unsere Auswahl einig und es schien gar nichts anderes möglich zu sein.

In den Ausstellungen, in denen die Nominees präsentiert wurden, ging die 10-köpfige Jury von Werk zu Werk und traf sich dann wieder, um alle Positionen zu diskutieren. Bis zu diesem Zeitpunkt war unsere Position sehr klar und argumentierbar. Anders als in anderen Jurys – bei denen man im „worst case“ niemanden kennt und oft alle sehr taktierend vorgehen – man will sich ja vielleicht nicht outen mit einer eigenständigen, aber nicht im Jury-Mainstream liegenden Position – ist beim Essl Art Arward die Grundstimmung entspannt und offen.

In den Diskussionen und den Entscheidungen für oder gegen eine Arbeit muss man dann zum ersten Mal die Karten offen legen. Das ist immer ein spannender Moment: Was sagen die anderen zu jenen, die wir für uns ausgeschlossen haben, was zu jenen, die wir favorisieren, liegen wir voll daneben oder gibt es Jurymitglieder, die unsere Sichtweise teilen? Bei einigen Positionen hängt das Herzblut stark an der Entscheidung, da ist es einem besonders wichtig, dass man gute Argumente für diese Künstler findet.

Essl Art Award Jury Sitzung in Budapest - Foto: Erwin Uhrmann

Essl Art Award Jury Sitzung in Budapest – Foto: Erwin Uhrmann

Dann beginnt die Diskussion und es wird spannend. Die zehn Jurymitglieder aus neun Ländern, sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten und Generationen sind alle weitgehend gewohnt, für sich allein Entscheidungen zu treffen, künstlerische Positionen zu bewerten und sie zu vertreten. In der Diskussion aber ist jeder gezwungen, die individuelle Position durch die anderen Argumentationen und Sichtweisen zu hinterfragen und so können Zweifel entstehen. Zweifel an der vorher so eindeutigen Position, an der Gewissheit, dass es eine Arbeit sei, mit genügend Potential und Originalität, um durch einen Preis wie diesen gefördert zu werden.

In diesen intensiven Tagen der Juryreise sind das vielleicht die für uns stärksten Momente, wenn Zweifel entstehen und die Argumente der anderen uns für eine künstlerische Arbeit einnehmen, die wir vorher weniger wahrgenommen haben. Das heißt nicht, dass man mit den Entscheidungen der Jury immer glücklich ist, es gab auch KünsterInnen, denen wir gern den Preis gegeben hätten und die von der Gruppe nicht mitgetragen wurden, aber das ist bei einer Juryentscheidung unvermeidbar – oder hätten andere Argumente die Jury vielleicht doch überzeugen können…?

Über die Ausstellung: Essl Art Award, 2011