Emotion und Reflexion: Teil 1

EMOTION UND REFLEXION:

Kunstgespräche im Essl Museum mit ehrenamtlichen Mitarbeitern von Hospiz-Einrichtungen der Caritas und trauernden Angehörigen anlässlich der Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT<, 2011

Begleitet von Mela Maresch und Andreas Hoffer

 Es gibt kein Glück ohne Wissen. Aber das Wissen vom Glück bringt Unglück; denn sich glücklich wissen heißt wissen, das Glück Zeit ist und dass Zeit unweigerlich vergeht.
Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe

Die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo schlief mit einem Totenkopf in ihrem Bett. Die Gewissheit um die Präsenz des Todes war für sie die Chance, sich dem Leben täglich neu zu stellen. Zoran Mušič, der noch in hohem Alter malte, lässt seine Gestalten schon fast dem Bild entschwinden. Antonio Tàpies ritzt in seine Materialbilder aus Erde, Teer und Sand Zeichen und Wörter ein – „Ni pur, ni impur“ (nicht rein, nicht unrein) – und stilisiert so den Kreislauf von Leben und Sterben. Zeitgenössische Kunst thematisiert auf vielfältige Weise Schönheit und Vergänglichkeit, Zerstörung und Neubeginn.

Das Essl Museum kooperiert schon seit Jahren eng mit der Caritas und stellt Workshops und Museumsbesuche für unterschiedlichste Gruppen wie Flüchtlinge, Menschen in Notsituationen, Menschen mit Beeinträchtigungen und junge Obdachlose kostenlos zur Verfügung. Das Thema der Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT<  schien uns interessant als Gesprächsgrundlage für Workshops.

In den Workshops, die im Frühjahr 2011 stattgefunden haben, gingen wir, ausgehend von der Kunst als Inspiration, der Frage nach der Schönheit und der Vergänglichkeit des alltäglichen Lebens nach. Der persönliche Zugang zum Thema wurde ausgelotet und beim Malen zum Ausdruck gebracht. Kunstgespräche vor Originalen und das Malen im Atelier lösten einander ab und boten Raum für die ganz persönliche, augenblickliche Positionierung. Der Austausch mit der Gruppe bot eine zusätzliche Möglichkeit eigene Sichtweisen zu erweitern.

Alle, die teilnahmen, schrieben nach einer Vorstellungsrunde spontan ihre Gedanken zu Schönheit und Vergänglichkeit auf eine Karte. Im Anschluss suchten sie sich ein Werk in den laufenden Ausstellungen aus, das für sie in einer Beziehung zu ihren Gedanken stand. Vor den Werken brachten die Teilnehmenden ihre Gedanken, ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen in Verbindung zu den Kunstwerken.

In den nächsten Wochen können Sie regelmäßig Auszüge aus diesen Gesprächen in der Reihe „Emotion und Reflexion“ auf unserem Blog lesen.

Reflexionen zu „Martha Jungwirth – Ich bin im Garten“

Gedanke: Schönheit bewegt und berührt

Martha Jungwirth, Ich bin im Garten, 1992, Foto: Mischa Nawrata, Wien © Sammlung Essl Privatstiftung

Martha Jungwirth, Ich bin im Garten, 1992, Foto: Mischa Nawrata, Wien © Sammlung Essl Privatstiftung

Besucherin: Meine Kinder, wie sie klein waren, hatten eine Arbeitsplatte, da haben sie alles machen dürfen, das war ihre Bastelstelle. Und alles, was so danebengegangen ist, ist so irrsinnig schön geworden. Und ich habe mir gedacht, das ist ja irgendwie auch ein Bild fürs Leben. Aus allem, was nicht unbedingt Absicht ist, kann etwas Neues, etwas Schönes entstehen. Und diese Vergänglichkeit – also meine Kinder sind schon erwachsen – es bewegt mich immer noch sehr tief, wenn ich die Kindersachen sehe. Vergänglichkeit. Und auch die Schönheit der Lebensphasen, also jede Phase für sich. Und durch meine Hospizarbeit ist mir Schönheit viel bewegender geworden. Einfach auch manchmal bis… dass Schönheit auch fast wehtun kann. Das ist mir durch meine Arbeit jetzt so richtig bewusst. Eben weil sie auch vergänglich ist, das macht genau diese Intensität aus.

Gedanke: Alles im Leben ist vergänglich

Besucherin: Das ich geschrieben habe „Alles im Leben ist vergänglich“, hat mit dem Tod meines Mannes zu tun. Er ist am 6. Oktober verstorben, einem total trüben und verregneten Tag. Ich weiß noch, Helen ist gekommen, weil meine Tochter und ich zur Bestattung gefahren sind. Und ich bin raus gegangen. Jeder kennt Hortensien, die blühen im Mai, zum Muttertag um diese Zeit. Und ich gehe raus und es blüht eine wunderschöne, violette Hortensie und seither liebe ich violett sehr. Als ich hier hereingekommen bin, habe ich mir gedacht, ach, das ist die Blume der Hortensien! Ich weiß nicht, wie dieses Bild heißt, ich weiß nicht, ob es mit Blumen etwas zu tun hat, aber für mich ist es eine Hortensie.

Selbst am Tage des Todes meines Mannes habe ich mir gedacht: Es ist nicht alles tot, nur weil mein Mann jetzt tot ist. Mein Mann hat den Garten geliebt und es haben so viele Blumen dann geblüht. Jedes Mal wenn ich zu ihm in die Leichenhalle gekommen bin und ihn besucht habe, habe ich ihm immer wieder Blumen mitgebracht. Als wir dann die Verabschiedung gehabt haben, war mein Mann in ein Blumenmeer gebettet und alles war violett. Darum wusste ich, wenn es jetzt auch noch so traurig ist, irgendwann gibt es wieder Leben. Als ich dann dieses Bild gesehen habe, wusste ich, das wird es!

Reflexion zu „Arnulf Rainer- Zentralisation, 1951“

Gedanke: Schönheit, Reife und Vergänglichkeit

Arnulf Rainer,  Zentralisation, 1951,  Foto: Franz Schachinger, Wien  © Arnulf Rainer

Arnulf Rainer, Zentralisation, 1951, Foto: Franz Schachinger, Wien © Arnulf Rainer

Besucherin: Ich finde Vergänglichkeit auch schön, auch das Verwelkende. Ich empfinde aber Reife als Zyklus, ein reifer Mensch… Ich dachte an den Zyklus, die Natur, die Menschen, dass das viel schöner ist als einfach nur das Wort Schönheit, weil man dann immer erst an das Primäre denkt: zum Beispiel jung und blond. Reife hat aber für mich dazu gehört, es hat gefehlt zwischen den beiden Dingen. Wie ein Höhepunkt, wie das Leben so ist, und dann geht es wieder runter, aber alle Stadien des Lebens sind schön. Und dann habe ich mich auf die Suche gemacht…ich wusste nicht, was mich hier erwartet – diese moderne Art der Kunst –  habe ich mich auf die Suche nach Stillleben gemacht, bin um die Ecke gekommen und habe das gesehen, es hat wuuutschh mit mir gemacht und dann dachte ich an Karzinom und Röntgenbild, und wie das Leben von dem Zyklus abweichen kann, so wie ihn sich jeder vorstellt.

Jeder würde gerne wachsen und reifen, das Leben aber geht langsam zu Ende, alles wunderbar und schön. Und dann diese Hiobsbotschaften mit Krankheit, und irgendwie dachte ich, das ist ein Karzinom oder ein schwarzer Fleck beim Lungenröntgenbild. Und jeder wird dann rausgeworfen und es macht wumm mit dir und dein Leben ist ganz anders und man ist nicht mehr in dem schönen Zyklus, den sich jeder erträumt, sondern das Leben nimmt plötzlich eine ganz andere, harte Wendung. Und dann bin ich näher gekommen und habe „Terror“ entziffert. Das war für mich einfach Terror. Und dann habe ich nur entdeckt, dass es nicht Terror heißt. Für mich heißt es „TRR01“, ich weiß nicht, was das heißt. Aber wie ich näher gekommen bin: die ersten Buchstaben waren Terror. Und ich dachte an das Zerstörerische – auch vom Terrorismus – an diese Explosionen in unserem Leben, eine Krankheit oder der plötzliche Tod. Diese Assoziationen hatte ich. Dann habe ich immer noch meine Tulpe gesucht, aber habe nichts gefunden außer dem, das war das einzig beeindruckende Bild, deswegen bin ich da hängen geblieben.

Aber ich weiß nichts über den Künstler…

Andreas Hoffer: Es sieht aus wie TRR, dahinter steht 51, denn 1951 wurde das Bild gemalt. Der Künstler heißt Arnulf Rainer. Wahrscheinlich heißt es TRR51. 1951 wurde auf jeden Fall das Bild gemalt.

Besucher: Und wie heißt das Bild?

Mela Maresch: Das Bild heißt „Zentralisation“. Es ist aus einer Reihe von vielen – also Serie kann man nicht wirklich sagen – aber es gibt einige Arbeiten, die er so gemacht hat wie dieses Bild.

Die beiden ausgewählten Werke waren in der Ausstellung >SCHÖNES KLOSTERNEUBURG – Albert Oehlen kuratiert Werke der Sammlung Essl< bis Mai 2011 im Essl Museum zu sehen.

Eine Antwort zu “Emotion und Reflexion: Teil 1

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