Emotion und Reflexion: Teil 2

Kunstgespräche im Essl Museum mit ehrenamtlichen Mitarbeitern von Hospiz-Einrichtungen der Caritas und trauernden Angehörigen anlässlich der Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT<, 2011

Begleitet von Mela Maresch und Andreas Hoffer

Zum Nachlesen: Emotion und Reflexion: Teil 1

2.Teil der Reihe „Emotion und Reflexion“

Reflexion zu „Franz Ringel –  Spanier, 1981“

Gedanke: Farben

Franz Ringel Spanier, 1981 © Sammlung Essl Privatstiftung Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien

Franz Ringel Spanier, 1981 © Sammlung Essl Privatstiftung Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien

Besucher: Ich bin zuerst durch die Räume gegangen und dort war alles in gedämpften Farben. Knallige Farben gab es in den ganzen Räumen nicht, in den Aquarellen und so. Für mich ist Farbe eigentlich das Sinnbild der Vergänglichkeit. Wenn ich einen Gartenzaun streiche, das vergeht. Die Farbe ist das Erste, was verloren geht. Beim Autolack, egal wo. Und je kräftiger die Farben – ich habe gerne kräftige Farben – umso schneller ist der Prozess. Im Freien ist die Farbe das Erste, was verloren geht, das Mauerwerk hält länger, die Farbe stellt die Vergänglichkeit symbolisch am ehesten für mich dar. Auch in der Natur. Die Farbe schwindet mit der Vergänglichkeit, die Blüten fallen herunter und haben eine andere Farbe.

Andreas Hoffer: Das hat auch eine Verbindung zu dem, was Sie gemalt haben.

Besucher: Ja, in der Farbe ist die Vergänglichkeit am ehesten sichtbar. Und daher hat mich dieses Bild angesprochen, gar nicht von den beiden Köpfen, sondern von den intensiven Farben her. Alle anderen Bilder, da sind die Farben eher im gedämpften Bereich. Auch vom Hintergrund, alle eher in Pergamentfarben. Und das hat auch einen kräftigen Hintergrund und das Grün zu dem Rot sticht heraus. Wie gesagt, ich fotografiere sehr viel. Die digitale Fotografie gibt die Möglichkeit, die Bilder nachzubearbeiten. Da fahre ich meistens hinein mit dem Schattenentferner, um die Farben irgendwo kräftiger nachzuzeichnen. Es ist sehr interessant, wie sich die Bilder dann auch verändern. So kann ich auch meine Farbvorstellungen unterbringen, ohne dass sich die Darstellung verändert. Und das war mein Zugang: Farbe und Vergänglichkeit ist für mich eins. Die Farbe ist das Erste, was in der Vergangenheit ist, die verblasst… bei allem.

Reflexion zu „Markus Lüpertz – Der Baumstamm, 1966“

Gedanke: Schönheit ist Vergänglichkeit

Markus Lüpertz Der Baumstamm, 1966 © Markus Lüpertz Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien

Markus Lüpertz Der Baumstamm, 1966 © Markus Lüpertz Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien

Besucher: Die Aufgabenstellung war „Schönheit und Vergänglichkeit“, und ich habe mir das gleich ausgebessert und gesagt: Schönheit ist Vergänglichkeit. Ich sagte: Ich finde kein Bild, ich suche ein Bild von der Natur. Und da ist es, das war die Entscheidung.

Andreas Hoffer: Natur als Symbol für beides?

Besucher: Ja, der Baum ist Natur. Und wenn der Baum stirbt, dann sterben die Menschen.

Andreas Hoffer: Ich habe öfter mal an einen Sarg gedacht, als ich das gesehen habe. Das war so eine Assoziation, die war plötzlich einmal da. Da sieht man Dinge in Bildern und dann gehen sie auch nicht wieder weg. Gleichzeitig ist ein Baum natürlich ein Symbol für Schönheit und Vitalität.

Besucherin: Aber nicht wenn der Stamm so liegt. Der ist ja schon „vergangen“. Ein Baum ist wunderschön, wenn er steht, wenn man hinaufschauen kann, in das Blätterdach. Aber so ist es ja nur noch Holz.

Besucherin: Aber Holz ist doch auch schön?

Besucherin: Also ich finde es ganz furchtbar, wenn ich Holztransporte sehe. Ganze LKWs voll mit schönen großen Bäumen. Ich könnte weinen, ich finde, das sind lauter Leichen. So schöne Bäume, dass man die umschlägt, ist für mich bösartig. Und dann vielleicht Hackschnitzel daraus macht.

Besucherin: Aber aus Holz kann auch Verschiedenes errichtet werden?

Besucherin: Ja, natürlich. Und das wird dann jahrelang geehrt und geliebt. Aber ich habe bei so etwas eher die negative Besetzung. Leider.

Reflexion zu „Wolfgang Herzig – Medusa, 1969“

Karte: Schönheit und Vergänglichkeit

Wolfgang Herzig Medusa, 1969 © Wolfgang Herzig Fotonachweis: Fotonachweis: Franz Schachinger, Wien

Wolfgang Herzig Medusa, 1969 © Wolfgang Herzig Fotonachweis: Fotonachweis: Franz Schachinger, Wien

Besucherin: „Schönheit und Vergänglichkeit“, dazu ist mir eingefallen, dass das unterm Strich, wenn man es begriffen hat, die Essenz des Lebens ist. Und dieses „Schönheit und Vergänglichkeit“ ist immer auch ein bisschen auf der Suche nach irgendetwas, nach verschiedenen Gründen. Das Bild hat mich sofort angesprochen, als wir hineingegangen sind, weil es auf den ersten Blick aussieht wie eine Tarotkarte. Und diese vielen Widersprüche, diese Vermischungen, die eine Tarotkarte hat, man kann das total vielseitig auslegen. Es hat gleichzeitig etwas Abschreckendes und etwas Unschuldiges. Durch diesen Körper, der einerseits stark Sexualität signalisiert und andererseits auch wieder kindlich wirkt. Das mischt sich total, das Weiß mit dem Unschuldigen und gleichzeitig so ein unbehaarter, kindlicher Körper und diese Schlangen aus dem Kopf, die eine Urweiblichkeit signalisieren und gleichzeitig auch etwas Teufelhaftes, mit diesen anderen Symbolen dazu. Gleichzeitig dieses Alltägliche Mit-Springschnur-Springen und dabei diese Fingernägelkrallen. Alles widerspricht sich irgendwie, mit diesem Kind, Erwachsenen, Diabolischem und gleichzeitig Unschuldigem, das ist für mich faszinierend. Das Gesicht ist erschreckend und dahinter ist doch auch irgendwie ein Kindergesicht. Das Ganze in einem Badezimmer, wo man sich verstecken kann, wenn man will, hinter dem Vorhang oder auch nicht. Also alles ist so…alles auch…

Andreas Hoffer: Es ist sehr stark ambivalent. Es ist beides da. Aber es ist sehr interessant, das habe ich noch nie so wahrgenommen.

Mela Maresch: Ja, es ist auch ein bisschen dieses Medusa-Thema darin. Aber das finde ich jetzt eigentlich gar nicht so wichtig in der Figur, im Kopf schon, ja, aber sonst nicht.

Andreas Hoffer: Es ist ganz klar, sie ist nackt, man sieht das Sexualorgan und trotzdem hat es etwas sehr Kindliches, etwas Unförmiges, Weiches.

Mela Maresch: …das Springschnur-Springen ist ja auch etwas sehr Kindliches.

Besucherin: Sie sieht aus wie eine Kleopatra von der Frisur her. Oder wie eine Schamanin oder wie eine Hexe mit glühenden Augen. Da sind so viele Frauenfiguren darin versteckt.

Besucherin: Auf mich wirkt dieser Kopf sowieso wie eines dieser Bilder, wo man sich dahinterstellt und praktisch ein anderer Mensch ist. Mir kommt das so vor wie eine Maske, und dahinter steht ein ganz anderer Mensch. Auch dieses Geschlechtsteil sieht aus wie ein Fresswerkzeug, und die Springschnur wie ein Lasso, mit dem man jemanden einfangen kann.

2 Antworten zu “Emotion und Reflexion: Teil 2

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