Emotion und Reflexion: Teil 3

Kunstgespräche im Essl Museum mit ehrenamtlichen Mitarbeitern von Hospiz-Einrichtungen der Caritas und trauernden Angehörigen anlässlich der Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT<, 2011

Begleitet von Mela Maresch und Andreas Hoffer

Zum Nachlesen: Emotion und Reflexion: Teil 1 und Teil 2

3.Teil der Reihe „Emotion und Reflexion“

Reflexion zu „Wolfgang Herzig – Zyklus „Verlierender Sohn“, erstes Bild“

Gedanke: Lust am Leben und Erwartung des Todes…

Wolfgang Herzig: Aus dem Zyklus „Der Verlierende Sohn“, Glückstrug, 1990-1991 © Wolfgang Herzig, Fotonachweis: Franz Schachinger, Wien (Leihgabe)

Wolfgang Herzig: Aus dem Zyklus „Der Verlierende Sohn“, Glückstrug, 1990-1991 © Wolfgang Herzig, Fotonachweis: Franz Schachinger, Wien (Leihgabe)

Besucherin: Für mich ist der Titel schon frappierend, der „Verlierende Sohn“ ist sehr ungewöhnlich, man kennt den verlorenen Sohn, aber der verlierende Sohn ist sehr bezeichnend auch für eine Lebenssituation. Ja, für mich war dieses Bild… ich hab das deswegen gewählt, weil diese Ambivalenz „Schönheit und Vergänglichkeit“ durch diese Brüchigkeit sehr stark herausgekommen ist. Diese versetzten Gestalten und Gesichter, wo ich mir eben gedacht habe, es rennt so wenig im Leben wirklich in einer geraden Linie. Es gibt immer wieder Ecken und Kanten. Meine Assoziationen zu „Schönheit und Vergänglichkeit“ waren Lust am Leben und Erwartung des Todes, Fülle des Lebens und Versagen oder Natur, Schönheit und Katastrophe. Das sind so diese Gegensatzpaare. Und es war Familie. Ich habe ein bisschen eine sonderbare Familie mit Tier als Kindersatz vielleicht. Es ist mehr die Vergänglichkeit oder Brüchigkeit im Leben als dieses „Alles ist da“.

Reflexion zu „Wolfgang Herzig – Zyklus „Verlierender Sohn“, erstes Bild“

Gedanke: Schönheit

Besucher: Ich habe mir Gedanken gemacht über die Schönheit und Vergänglichkeit und habe geschrieben: Schönheit. Wichtig und nicht so wichtig. Wir glauben, die Schönheit ist so wichtig, das mag wohl stimmen, aber wenn man an die Vergänglichkeit denkt, dann ist die Schönheit gar nicht so wichtig. Äußerlichkeiten gehen in der Schönheit nicht so tief, aber in der Vergänglichkeit sehr tief, finde ich. Man kann sich an der Schönheit erfreuen, die Vergänglichkeit ist schmerzhaft. Dann bin ich hier durchgegangen und habe dieses Bild gesehen, und dann habe ich das Leben so verschwommen gesehen. Es passt nicht immer alles ganz genau so  zusammen, wie wir das oft haben wollen. Wenn man das ein bisschen verrückt – und da entsteht schon das Wort ver-rückt – wir müssen es ein bisschen verrücken, um nicht verrückt zu sein, dann passt es wieder. Und das hat mir so gut gefallen an diesem Bild. Und dann bin ich ein bisschen weiter gegangen – im anderen Raum ist ein Bild „Knotenpunkt“ und das hat mir auch gut gefallen. Es ist aber das Konträre, dort ist alles geradlinig und schön und genau. Und dann habe ich mich doch für dieses Bild entschieden, weil es mehr so ist, wie das Leben auch ist. Man kann viel mehr herausholen.

Besucherin: Mir ist das zu düster. Mir ist das zu wenig lebendig, es spricht mich nicht an.

Reflexion zu „Bernard Frieze – Gasp“

Bernard Frize: Gasp, 2002 © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: courtesy Galerie Patrick Painter Inc., USA

Bernard Frize: Gasp, 2002 © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: courtesy Galerie Patrick Painter Inc., USA

Besucherin: Ich habe mir bereits, bevor ich das Bild gesehen habe, die Frage gestellt, ob Schönheit wirklich vergänglich ist oder einfach nur veränderbar. Und  was sie dann gesagt haben über den alten Bootsanstrich, der dann abblättert – ich kann darin auch Schönheit entdecken. Und genauso drückt das für mich das Bild aus. Es ist ein Vorhang, der aufgeht. Dahinter steht das, was nachher kommt, und das ist im Prinzip viel schöner als das, was davor kommt. Eine Tür geht zu und die andere öffnet sich. Ich sehe das nicht so deprimierend, sondern einfach als Veränderung und man kann jedem etwas Schönes abgewinnen.

Reflexion zu „Bernard Frieze – Gasp“

Besucherin: Ich habe mir Gedanken gemacht über das Schöne und Vergängliche und ich habe für mich so das Gefühl, dass es wichtig ist, dass das Schöne auch vergänglich ist. Wenn das Schöne nicht vergänglich wäre, dann würden wir es vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen. Was man als schön empfindet, das ist natürlich von Mensch zu Mensch verschieden. Und ich glaube, ich schätze das Schöne umso mehr, weil ich weiß, dass es vergänglich ist. Ich denke da vor allem an meinen Garten, der ja sehr vergänglich ist. Also ich gehe jeden Tag hinaus und schaue jede einzelne Rose an, die aufgeht, um das nicht zu versäumen. Und bin dann auch ganz unglücklich, wenn ich drei Tage nicht in meinem Garten sein kann, weil wir weggefahren sind. Und wenn wir zurückkommen, ist schon wieder so viel vergangen.

Und dieses Bild hat mich… also ich bin sehr schnell fertig gewesen. Ich bin durchgegangen und wollte mich entscheiden, bin aber dann sofort… Ist es ein Vorhang, der aufgeht, einer der zufällt? Das hat das genauso getroffen wie das Ende, der Mensch ist ja Vergänglichkeit. Wir wissen ja nichts, wir denken ja nur, dass wir etwas wissen. Aber ich habe so das Gefühl, egal ob der Vorhang jetzt zufällt, dann ist das schön, wenn er jetzt aufgeht, ist es im Prinzip noch schöner. Ich glaube auch unser Leben ist so, wenn wir glauben, der Vorhang geht zu, dass er vielleicht für etwas Nächstes offen ist. Also ich glaube nicht, dass das Ende, wenn unser Ende da ist, dass das Ende ist. Ich kann es mir so nicht vorstellen. Und das hat das Bild total gut ausgedrückt. Ich habe mich dann gefreut, wie ich das auf dem Zetterl gesehen habe, ich habe gar nicht gewusst, dass das so das Sujet für die Ausstellung ist. Ja, das hat mich sehr, sehr angesprochen.

An Schönheit muss man sich auch gewöhnen. Es gibt viel Hässliches, das auch schön ist. Das Alte, das Geschichte hat. Wir sind jetzt gerade auf der Suche nach einem neuen Haus, aber ich kann mich nicht an ein neues Haus gewöhnen. Ich suche ein altes Haus, das eine Geschichte hat, um die Schönheit auch herauszufinden. Das sind meine Gedanken dazu.

Andreas Hoffer: Wenn man das Bild aufnimmt: das Haus, das Geschichte hat. Da sind sicher auch schon Menschen gestorben drin, da war sehr viel Trauriges. Aber dadurch, dass man das mitbekommt, dass es eine Geschichte hat, bekommt es immer auch einen Charakter. Und es kommt ja dann auch immer wieder etwas Neues. Hier ist es ja sehr gleichmäßig. Das, was dahinterliegt, ist eigentlich sehr ähnlich zu dem, was vorne liegt, da ist eigentlich nicht viel Unterschied.

Besucher: Wie heißt dieses Bild? Wie hat der Künstler es genannt?

Mela Maresch: Es heißt „Gasp“.

Andreas Hoffer: Wobei ich würde dem Titel nicht zuviel Bedeutung beimessen. Weil der Künstler macht eigentlich immer ganz abstrakte Bilder, die sehr offen sind.

Mela Maresch: Ich glaube, dass er sich auch mehr mit Farbe und ihrer Stofflichkeit auseinandersetzt. Und das gar nicht so viel darüber hinaus drinnen ist von seiner Seite.

Besucherin: Mir gefällt das an diesen Bildern so. Zu bekommen, was man selber spürt. Jeder, der es betrachtet. Das, was gerade ansteht, die Gefühle, die da sind, kann man da rausholen aus abstrakten Bildern.

Reflexion zu „Gunter Damisch – Dunkles Weltenfeld IV“

Gedanke: Sonne, Licht und Harmonie

Gunter Damisch: Dunkles Weltenfeld, 1988 © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Franz Schachinger, Wien

Gunter Damisch: Dunkles Weltenfeld, 1988 © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Franz Schachinger, Wien

Besucherin: Für mich stellt das Bild das Universum dar, in seiner Gesamtheit. Hell und Dunkel, und dass wir nicht alleine hier sind, sondern, dass es noch so viele andere Lichtpunkte gibt. Und dass uns das Licht, das Helle, erst bewusst wird, je dunkler der Hintergrund ist, umso mehr nehmen wir dann das Licht wahr. Und das Universum als Ganzes, als Basis unseres Lebens.

Reflexion zu „Gunter Damisch – Dunkles Weltenfeld IV“

Gedanke: Lied:  „Schön sind die Blumen, schön sind die Menschen in der frischen Jugendzeit…“

Besucherin: Ich habe auf dem Zettel den ersten Gedanken, der mir zum Thema Schönheit und Vergänglichkeit gekommen ist, aufgeschrieben: Ein Kinderlied aus meiner frühen Kindheit, das ich eigentlich wegschieben wollte, weil ich jetzt ganz anders zu dem Text stehe als damals. Das war so:  Schön sind die Blumen, schön sind die Menschen in der frischen Jugendzeit, sie müssen sterben, müssen verderben, Jesus, du bleibst in Ewigkeit. Eine wunderschöne Melodie dazu, und das hat mich als Kind auch fasziniert. Ich habe mir schöne junge Menschen vorgestellt und Blüten, wenn sie in voller Blüte stehen und wie sie dann schrumpelig werden, wenn sie dann älter werden.

Das Bild ist das Universum für mich. Die Vergänglichkeit… so wie auch der Text seine Bedeutung für mich verloren hat, verlieren auch die Werte ihre Bedeutung. Und die Gegenwart, das sind ein paar kleine Lichtpunkte, das, was vor uns liegt, ist alles noch im Dunkeln, und hinter uns die Zeit ist wie ein Wimpernschlag, und das zeigt das Bild auch so. Diese schönen hellen Formen und viel Unbekanntes. Auch nichts festzuhalten, viel ändert sich ja auch im Leben.

Besucherin: Es sieht zwischendurch richtig samtig aus, muss ich sagen.

Andreas Hoffer: Dieses Bild bietet auch sehr viel an.

Besucherin: Ich finde aber eigentlich dieses Kirchenlied interessant. Irgendwie hat es auch etwas.

Besucherin: Als Kind hat mich auch diese harte Ausdrucksweise „wir müssen sterben, müssen verderben“ fasziniert. Die Melodie ist ganz sanft, sehr schön.

Besucher: Ich finde dieses Bild… Es hat eine ganz andere Wirkung wenn man davor sitzt als wenn man daran vorbeigeht. Es hat eine faszinierende Wirkung, wenn man sitzt.

Andreas Hoffer: Können Sie das beschreiben?

Besucher: Es ist nicht bedrückend, es ist erleuchtend. Warum zieht dieser helle Punkt so viele an? Da kann man ein bisschen phantasieren!

Besucherin: Das hat es für mich wieder überhaupt nicht. Etwas zum Anhalten, zum Festhalten, das hat es für mich gar nicht. Wenn ich Bilder aus dem Weltraum sehe, dann habe ich das Gefühl, die sind harmonisch. Und die sind irgendwie rund, so ins Weite. Bei dem Bild habe ich das Gefühl, wenn das der Weltraum ist, dann kann jeden Augenblick etwas passieren. Das ist so unharmonisch, das sind auch die Lichtpunkte, die haben alle so einen Schweif, als würden sie sich irgendwo hin verzischen. Und es wirkt für mich nicht beruhigend und harmonisch. Man hat das Gefühl, in jedem Eck lauert etwas, was hervorzischen könnte, oder es könnte gleich etwas explodieren. Es ist so unkoordiniert, da ist ein Haufen, da ist ein komischer Haufen. Auf mich wirkt es nicht beruhigend. Obwohl ein reales Bild vom Weltraum sehr wohl harmonisch und ruhig auf mich wirkt. Aber das ist sehr spektakulär irgendwie.

Besucherin: Ich finde, das bekommt in der Mitte hin ein Schwarzes Loch, da ist so ein Sog, wo man mitfliegt.

Besucherin: Ja, es zieht. Also bedrohlich finde ich es nicht, aber es saugt irgendwie, es ist nicht wirklich was zum Festhalten.

Besucherin: Es ist nicht beruhigend, es kann sich immer was tun.

Besucherin: Man kann sich selber vorstellen, dass man im All schwebt, wenn man nicht ein genaues Bild hat, was danach passiert. So als Klang oder als heller Fleck mitzischt irgendwie. Es ist vollkommen neutral. Es ist natürlich nicht mehr das Menschliche, Fleischliche, aber man zischt irgendwo mit.

Andreas Hoffer: Ja, das ist eine schöne Vorstellung.

Besucherin: Ja, das ist auch irgendwie meine Vorstellung von Tod, dass es da eine Energie gibt, die so wie ein Klang das Instrument verlässt, oder das Licht, und dann aber irgendwie aufgeht im großen Ganzen. Also für eine kurze Zeit dann noch individuell ist und sich dann auflöst.

Besucherin: Ich bin vorher einfach an dem Bild vorbeigegangen. Ich schaue es jetzt erst wirklich an, obwohl es so dominant ist. Aber diese Dunkelheit hat mich total kalt gelassen.

Besucherin: Ich merke jetzt, je länger wir da sitzen, umso bunter wird das Bild.

Die Werke „Bernard Frize – Gasp“ und „Gunter Damisch – Dunkles Weltenfeld“  sind noch bis 8.1.2012 in der Ausstellung >FOCUS: ABSTRAKTION< im Essl Museum zu sehen.

Eine Antwort zu “Emotion und Reflexion: Teil 3

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