„Wir Westeuropäer haben da einiges nachzuholen…“ – Interview mit Jury-Vorsitzendem René Block zum >ESSL ART AWARD<

Silvia Köpf und Johanna Langfelder im Gespräch mit René Block, Vorsitz der Jury des ESSL ART AWARD CEE

Essl Museum: Seit 2004, also seit der ersten Preisverleihung, sind Sie Vorsitz der internationalen Jury des ESSL ART AWARD CEE. Was war damals wie heute Ihre Motivation, bei diesem Projekt mitzumachen? Was unterscheidet diesen Preis von anderen Kunstpreisen?

René Block (c) Sammlung Essl Privatstiftung

René Block (c) Sammlung Essl Privatstiftung

René Block: Durch die Ausstellung „In den Schluchten des Balkan“, 2003 in der Kunsthalle Fridericianum und die Cetinje Biennale im Jahr 2004, waren mir Aspekte der künstlerischen Entwicklung in einigen der besuchten Länder vertraut. Der ESSL ART AWARD bot eine Möglichkeit, diese Erfahrungen zu vertiefen und gleichzeitig auch zu erweitern, indem er der Jury die Aufgabe übertrug, sich mit den jüngsten Gliedern der künstlerischen Szenen zu beschäftigen. Mit jungen Menschen, die sich für eine künstlerische Laufbahn entschieden haben und ihrerseits durch die mit dem Award verbundenen Ausstellungen erste Erfahrungen sammeln können.

Was diesen Preis von anderen unterscheidet ist, neben dem großzügigen Preisgeld, vor allem die Ernsthaftigkeit und Professionalität, mit der er durchgeführt wird. Im Laufe vieler Jahre habe ich an vielen Jurysitzungen teilgenommen. In der Regel gibt es dann Dias von Werken zu betrachten, oder es liegen von Künstlern eingereichte Mappen auf den Tischen. Man muss also anhand von Fotos und anderem Sekundärmaterial entscheiden. Nicht so bei diesem Preis, wo an jedem der Orte Ausstellungen mit Arbeiten von zehn in einer Vorauswahl bestimmten Bewerbern, den Finalisten, eingerichtet werden. Die Jury diskutiert und entscheidet vor den ausgestellten Bildern, Objekten, Skulpturen, Installationen oder Film- und Videoarbeiten. Dies verdeutlicht in meinen Augen den Respekt der Preisstifter vor Kunst im Allgemeinen und dem sich entfaltenden Künstlernachwuchs im Besonderen; ist allein dieser Prozess doch schon mit hohem organisatorischem und finanziellem Aufwand verbunden.

EM: Im Moment scheint, nicht nur in Wien, ein wichtiger Schwerpunkt auf der Kunst der sogenannten CEE Länder zu liegen, es wird viel gefördert und es gibt verschiedene Projekte, die ihren Fokus auf diese Länder gerichtet haben (z.B. „Viennafair“). Wieso gilt auch Ihr Interesse gerade den künstlerischen Entwicklungen in diesen Ländern? Wie nachhaltig ist Ihrer Meinung nach diese Entwicklung für die Künstler aus diesen Ländern, oder handelt es sich eher um einen kurzlebigen Trend?

Jury Diskussion in Sofia (c) Foto: Sammlung Essl Privatstiftung

Jury Diskussion in Sofia (c) Foto: Sammlung Essl Privatstiftung

RB: Wir Westeuropäer haben da einiges nachzuholen. Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten fast ausschließlich mit unserer Westkunst beschäftigt. Gerade die documenta in Kassel steht hier als Beispiel für, ich möchte es einmal eine Arroganz nennen, die den transatlantischen Diskurs kultiviert hat und den Rest der Welt, abgesehen von einigen wenigen Alibipositionen, ignoriert hat. Diese Haltung musste nach dem Fall der „Mauer“ in Berlin und den damit verbundenen politischen Verschiebungen und gesellschaftlichen Veränderungen korrigiert werden. Und so haben wir, wenn auch verzögert durch den kriegerischen Balkankonflikt der frühen 90er Jahre, einige uns zum Teil völlig unbekannte künstlerische Positionen entdecken können und zugleich einen radikalen Aufbruch der jüngeren Künstlergeneration dieser Länder.

EM: Was sind Ihrer Meinung nach die (längerfristigen) Auswirkungen und Ziele des ESSL ART AWARDS?

RB: Mir scheint der Award in einigen der Städte und Länder bereits zu einem wichtigen Teil des kulturellen Lebens geworden zu sein. Der Rhythmus von zwei Jahren entspricht dem einer Biennale. Und so wie einige Biennalen durch diese Regelmäßigkeit das Entstehen von künstlerischen Szenen, ich denke da zum Beispiel an Istanbul oder Sydney, befruchten und beeinflussen konnten, so wird auch dieser Award langfristig die künstlerische Entwicklung in den beteiligten Ländern fördern. Die Preisvergabe, die Zeremonie und die Ausstellung, sind ein Ereignis für die beteiligten Künstler und das akademische Umfeld. Diese Erfahrung mit einer professionellen Betreuung bei den Präsentationen in den eigenen Ländern wird für die Preisträger vertieft in der Ausstellung aller Preisträger im Essl Museum in Klosterneuburg. Für viele bedeutet dies die erste Begegnung auf internationaler Ebene und damit weitere Erfahrungen. Denn der Austausch von Erfahrungen ist immer noch unterentwickelt innerhalb der CEE Länder. Da herrscht noch „the lack of communication“.

Abstimmung in Budapest (c) Foto: Angelika Petrik

Abstimmung in Budapest (c) Foto: Angelika Petrik

EM: Die Jury Gruppe besteht neben Ihnen und zwei Stimmen des Essl Museums aus je einem Vertreter der beteiligten Länder. Wie bewerten Sie diese Zusammenstellung bzw. glauben Sie, dass es zu anderen Urteilen kommen würde, wenn die Jury Mitglieder nicht direkt aus diesen Ländern kämen?

RB: Die Besetzung der Jury mit Mitgliedern aus den Ländern hat sich bewährt. Angesichts der unterschiedlichen kulturellen Traditionen der verschiedenen Länder waren die ortspezifischen Erläuterungen durch die mit den lokalen Besonderheiten vertrauten Juroren stets hilfreich. Auch konnte sich der lokale Juror schon im Vorfeld bei der Organisation engagieren, den jungen Künstlern hilfreich bei der Auswahl und beim Aufbau zur Seite stehen und uns dadurch wiederum entsprechende Informationen zur Arbeit und zur Person vermitteln. Die Diskussionen der Jury werden durch dieses Wissen oft entscheidend mitgeprägt.

EM: Wie haben Sie die diesjährige, für Sie vierte, ESSL ART AWARD Jury-Reise empfunden? Welche Tendenzen und Entwicklungen sehen Sie in den Kunstszenen der unterschiedlichen Länder?

RB: Es gibt eine vorherrschende Tendenz weg vom gemalten Bild. Leinwand, Keilrahmen, Grundierung und dann erst malen… das scheint ein Anachronismus in unserer Zeit der schnellen Kommunikationsmedien zu sein. Denn ehe die Ölfarbe getrocknet ist, könnte die politische Botschaft nicht mehr relevant sein. Andererseits ist es gerade verständlich, dass die in Zentral- und Osteuropa heranwachsenden Generationen radikal mit dem alten Lehrstoff der Akademien brechen wollen und nach neuen Formen suchen, sich auszudrücken. Gerade diesen Umbruch an der Basis, an den Akademien, mitverfolgen zu können, macht die Ergebnisse des ESSL ART AWARD auch für uns (Westeuropäer) so fesselnd.

Das ungekürzte Interview mit Renè Block ist im Ausstellungskatalog zum >ESSL ART AWARD CEE 2011< nachzulesen. Die Ausstellung mit Werken von 18 jungen Künstlern und Künstlerinnen aus  Slowenien, der Slowakei, Tschechien, Ungarn, Kroatien, Rumänien und erstmals auch Bulgarien ist von 7. Dezember 2011 bis Mitte Februar 2012 im Essl Museum zu sehen.

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