Emotion und Reflexion: Teil 4

Kunstgespräche im Essl Museum mit ehrenamtlichen Mitarbeitern von Hospiz-Einrichtungen der Caritas und trauernden Angehörigen anlässlich der Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT<

Begleitet von Mela Maresch und Andreas Hoffer

Zum Nachlesen: Emotion und Reflexion: Teil 1 und Teil 2 und Teil 3

4.Teil der Reihe „Emotion und Reflexion“

Reflexion zu „Hans Bischoffshausen – Champ d’energie en dissolution, 1960″

Gedanke: Zerbrechlich, Trauer, Hoffnung

Hans Bischoffshausen: Champ d'energie en dissolution, 1960 © VBK, Wien, 2011 Fotonachweis: Photoatelier Laut, Wien

Hans Bischoffshausen: Champ d’energie en dissolution, 1960 © VBK, Wien, 2011 Fotonachweis: Photoatelier Laut, Wien

Besucherin: Es war für mich sehr frappant, das Erlebnis mit diesem Bild. Ich habe vorher die Wörter aufgeschrieben: zerbrechlich, Trauer, Hoffnung, dass das alles eins ist, zusammengehört und in sich verbunden ist. Das hat etwas mit einer Sterbebegleitung zu tun, mit einer Frau, ein paar Jahre jünger als ich. Ich habe sie einmal gefragt, was sie an diesem Nachmittag machen möchte. Es war ein sehr warmer Februartag. Und da hat sie gesagt, sie würde noch gerne in den Park gehen. Und wir sind dann auf der Parkbank gesessen, es war ein sonniger Tag und es war ganz still, es gab noch keine Frühlingsblumen. Und sie hat den Kopf nach oben gehalten, ein zartes, zerbrechliches Geschöpf mit halblangen blonden Haaren, und ich habe sie nur im Profil gesehen. Das Gefühl war einfach, dass sie ins Licht schaut, aber schon dort ist und in das andere Licht schaut, wie wenn sie durch die Sonne durchschaut. Und sie ist wenige Tage danach verstorben. Und an diesem Bild hat mich eigentlich dieses doppelte Licht frappiert und auch dieses Zerbrechliche, das ich mit dieser zarten Frauengestalt verbunden habe. Und dass das alles eins ist, die reale Sonne, dieses Gegenständliche mit dem dahinterliegenden abstrakten Bild. So habe ich das für mich einfach empfunden. Etwas sehr Zartes und auch sehr Starkes.

Mit dieser Frau war das auch so. Sie hatte immer so viel Hoffnung. Sie hat auch immer so viel Schönes ausgestrahlt. Obwohl das Vergängliche schon gleich hinter der Türe war…also so dieses wirklich gehen müssen, das war eine ganz scharfe Geschichte. Also auch die Nähe zwischen schön und vergänglich.

Besucherin: Ich finde die Bilder von Hans Bischoffshausen ganz beeindruckend, weil sie so einfach sind und so viel Raum und Weite geben.

Reflexion zu „Wolfgang Herzig – Fily, 1975“

Gedanke: Alles Leben ist Schön. Alles Leben ist Vergänglich.

Wolfgang Herzig: Fily, 1975 © Wolfgang Herzig, Fotonachweis: Franz Schachinger, Wien (Leihgabe)

Wolfgang Herzig: Fily, 1975 © Wolfgang Herzig, Fotonachweis: Franz Schachinger, Wien (Leihgabe)

Andreas Hoffer: Bei mir war es so, dass ich eher von der Geschichte dieses Bildes berührt war. Ich habe geschrieben: Alles Leben ist schön. Alles Leben ist vergänglich. Ohne Vergänglichkeit gibt es keine Schönheit – was etwas vermessen ist, aber wo letztendlich doch ein bisschen Wahrheit drinnen ist, denke ich.

Letztendlich habe ich die Fily gewählt, weil ich die Geschichte, die Wolfgang Herzig von ihr erzählt hat, so berührend fand. Wenn man ihren Körper anschaut und ihr Gesicht, ist sie sicher nicht im klassischen Sinne schön zu nennen. Sie hat sich aber so schön gemacht. Sie war ein Modell für Maler und Wolfgang Herzig hat sie in der Akademie kennengelernt, wo sie Akt gestanden ist. Sie ist dann auch zu ihm ins Atelier gekommen und hat ihm ihre Geschichte erzählt.

Als junges Mädchen wollte sie aus dem gut behüteten Elternhaus ausbrechen, der Vater war Arzt, und sie ist Tänzerin geworden im Moulin Rouge in Wien. Das war eigentlich nichts Zweideutiges, dort hat sie Tanzvorführungen gemacht. Und sie hat – als sie bei ihm Modell gestanden hat – ein Sackerl dabei gehabt, wo ihre ganzen Erinnerungen an ihre Tanzzeit drinnen waren, die schon lange vorbei war. Die ganzen Fotos, wie sie aufgetreten ist im Moulin Rouge. Sie ist immer dem Glück nachgelaufen und dann wohl auch einem Mann nachgereist, der ihr viel versprochen hat, und Wolfgang Herzig hat sie nie wieder gesehen. Sie hat aber dieses Sackerl mit der Erinnerung an ihre beste Zeit bei ihm stehen lassen.

1975 hat er dieses Bild gemalt, da war sie schon verschollen, und er hat sich gedacht, er muss dieses Bild malen, er muss dieser Frau, die sonst nirgendwo eine Erinnerung hinterlässt – die Fotos sind ja bei ihm geblieben – ein Denkmal setzen. Er möchte, dass diese Frau, die ein Leben geführt hat, das so schillernd schien, aber letztendlich so unglücklich war, irgendwo ein Bild hinterlässt. Er hat nie wieder von ihr gehört.

Wenn man die Fily sitzen sieht auf dem Bild, sieht man das alt gewordene, ausgemergelte Gesicht und den Körper, ich sehe aber auch diese große Sehnsucht, schön zu sein, das fand ich sehr berührend. Jemand von Ihnen hat bei einem anderen Kunstwerk gesagt, diese alte Frau behängt sich stark mit Schmuck, weil sie auch noch schön sein will. Die Junge hat nichts, die ist einfach jung.

Und ein bisschen ist es bei der Fily auch so, sie hat noch diese Tolle und diese Schleife im Haar und diesen Fächer und dieses seltsame Tuch da unten, aber sie sitzt auch schon ein bisschen gebückt. Sie trägt die Spuren der Vergänglichkeit auf jeden Fall schon an sich. Und irgendwie finde ich gerade das so schön, dass der Herzig das nicht versteckt und ihr trotzdem so viel Respekt entgegenbringt und ihr diesen Raum gibt. Ich habe kurz überlegt, ob ich das Bild mit Frida Kahlo nehmen soll, aber Mela und ich haben dann beide gesagt, die Frida Kahlo hat schon so viel Aufmerksamkeit bekommen, die Fily hat es vielleicht ein bisschen mehr verdient.

Reflexion zu „Hubert Scheibl: Khamsin, 1992-1995“

Gedanke: Baum im Pötzleinsdorfer Park

Hubert Scheibl: Khamsin, 1992-1995 © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Graphisches Atelier Neumann, Wien

Hubert Scheibl: Khamsin, 1992-1995 © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Graphisches Atelier Neumann, Wien

Mela Maresch: An diesem Wochenende war ich im Pötzleinsdorfer Park, da gibt es  Riesenbäume, die sind denkmalgeschützt, zwei am Weg. Da habe ich mich hineingesetzt in einen und habe raufgeschaut, und es war unglaublich: es sind Mammutbäume. Da kam mir plötzlich die Idee, dass dieser Baum noch da sein wird, wenn ich nicht mehr da bin. Das hat mich ganz still und ganz ruhig gemacht.

Von den Bildern war es für mich klar, dass es dieses ist. Andreas hat mir gesagt, auch das wird noch da sein, wenn Du nicht mehr da bist, ich hoffe, dass unsere Restauratorin das hinkriegt, die dann vielleicht auch schon nicht mehr da ist, aber vielleicht ihre Nachfolgerin. Kunst möchte ja gerne ein paar Jahrhunderte überleben. Ich hoffe sehr, dass das Bild das tun wird. Das Bild macht einfach so viel Raum auf. Für mich ist es auch die Stimmung von dem Tag, als ich in diesem Baum saß, denn es war nach dem Regen, eine Stimmung nach Regen, so wässrig. Und deswegen passt es für mich gut zu dieser Überlegung, was alles noch da sein wird, wenn ich dann schon weg bin. Oder was vielleicht auch noch da ist, wenn ich wieder komme. Wenn es so etwas wie eine Wiedergeburt gibt, dieser Baum wird noch da sein. Der wartet, der steht schon hundert Jahre dort.

Jetzt fällt mir spontan ein dazu, dass wir Aboriginal Art gezeigt haben, und die Aborigines haben ursprünglich nur Höhlenbilder gemacht, Handabdrücke auf den Höhlenwänden mit der Idee, dass, wenn sie wiederkommen, sie quasi dort wieder andocken können. Ich finde die Vorstellung beruhigend, dass alles eigentlich bleibt. Wir sind die, die kommen und gehen. Wir. Der Rest auf der Erde bleibt, die ganze Zeit.

Andreas Hoffer: Ja, aber auch der beste Mammutbaum darf auch einmal altersschwach werden und wird dann auch vergehen.

Mela Maresch: Ja, sicher, wenn ein Blitz einschlägt…

Andreas Hoffer: Die Sicherheit hast du nicht.

Mela Maresch: Nein, nicht einmal die Sicherheit habe ich. Nicht einmal die.

Die Werke von Hans Bischoffshausen und Hubert Scheibl  sind noch bis 8.1.2012 in der Ausstellung >FOCUS: ABSTRAKTION< im Essl Museum zu sehen.

Texte von jungen Autoren und Autorinnen zum Thema >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT< sind im Kunst-Lesebuch zur Ausstellung erschienen.

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