Liebe auf den zweiten Blick

Der Sammler Karlheinz Essl über die Ausstellung >ANSELM KIEFER< und seinen ganz persönlichen Zugang zum Werk des bedeutenden deutschen Künstlers

Es ist wohl „Liebe auf den zweiten Blick“, die meine Beziehung zum Werk von Anselm Kiefer am treffendsten bezeichnen würde.

Portrait Karlheinz Essl in der Ausstellung >ANSELM KIEFER< © Sammlung Essl, Foto: Peter Kuffner

Portrait Karlheinz Essl in der Ausstellung >ANSELM KIEFER< © Sammlung Essl, Foto: Peter Kuffner

Viel früher schon hatte meine Frau das vielschichtige Œuvre des Künstlers ins Herz geschlossen. Später, aber umso heftiger trat dann meine Begeisterung hinzu, die in der Folge durch signifikante Ankäufe von Arbeiten der letzten zehn Jahre ihren Ausdruck fand.

In besonders lebhafter Erinnerung ist mir der Besuch bei dem Künstler in seinem Atelier im südfranzösischen Städtchen Barjac. Der Besuch war lange vorbereitet und wurde vom Galeristen Thaddaeus Ropac begleitet.

Es war im November des Jahres 2003. Vom Flughafen Marseille aus fuhren meine Frau und ich mit einem Mietauto durch die hügelige provenzalische Landschaft, vorbei an kleinen romantischen Städtchen bis nach Barjac, wo Anselm Kiefer Anfang der 1990er-Jahre sein Atelier eingerichtet hatte. Dort arbeitete er und lebte er gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern, die damals ein und drei Jahre alt waren.

Der Arbeitsbereich von Anselm Kiefer sprengte jedes Vorstellungsvermögen. Es war dies nicht ein Atelier im herkömmlichen Sinn, sondern ein riesiges Anwesen, dessen Herzstück eine stillgelegte Weberei aus dem späten 18. Jahrhundert war. Der Künstler hatte hier ständige Zu- und Neubauten errichtet, die als Werkstätten, Ateliers oder Ausstellungshallen für Objekte dienten. Das gesamte Areal war mit Containern, Lagern von alten Eisenteilen, Lkws und Rohrgerüsten etc. übersät. Einer der Autokräne hatte eine Tragkraft von 120 Tonnen.

Besonders beeindruckten mich die Lager- und Ausstellungshallen von riesiger Dimension, die von oben mit Tageslicht belichtet wurden. Hier lagerten Kiefers großdimensionale Kunstobjekte, auf fahrbare Untergestelle montiert, um sie mühelos bewegen zu können.

Bei unserem Besuch in Barjac bot sich die einzigartige Gelegenheit, den Künstler und sein Werk besser kennenzulernen. Ich war schwer beeindruckt, und mein Wunsch, aus diesem Fundus eine wichtige Arbeit für unsere Sammlung zu erwerben, steigerte sich zur fixen Idee.

Im Leben eines Sammlers sind solche Gelegenheiten, sich besondere Werke aussuchen zu dürfen, beglückende Momente.

Horlogium (Sternenfall), 2003  © Anselm Kiefer Fotonachweis: Stefan Fiedler – Salon Iris, Wien

Horlogium (Sternenfall), 2003 © Anselm Kiefer Fotonachweis: Stefan Fiedler – Salon Iris, Wien

Gemeinsam mit dem Künstler entschieden wir uns für eine Arbeit, die eigentlich als Installation zu bezeichnen ist. Sie umfasst zwei Teile, nämlich ein Bild mit dem Titel „Horlogium“ (Öl, Emulsion, Acryl mit Gipspflanzen auf Leinwand, 2003) mit einer Größe von 280 mal 500 Zentimetern und dazu eine Skulptur, die aus einem Stapel von Bleibüchern besteht (Gewicht 3.000 Kilogramm). Das Ensemble erhielt vom Künstler die Bezeichnung „Sternenfall“; da die Bleiskulptur mit einer großen Anzahl von Glasblättchen übersät wurde, die astronomische Nummern tragen, wie sie zur Katalogisierung der Sterne des Alls verwendet werden.

Dieses wunderbare Ensemble bildete den Ausgangspunkt einer Sammlung, die sich in den darauffolgenden Jahren noch erweitern sollte.

Anselm Kiefer hat Barjac inzwischen verlassen und seinen Lebens- und Schaffensmittelpunkt nach Paris verlegt. Ich hatte die Gelegenheit, den Künstler 2011 in seinem neuen Wirkungsbereich zu besuchen und war von der Dimension der Pariser Kunstwerkstätten aufs Neue überwältigt. In einer 30.000 Quadratmeter großen ehemaligen Lagerhalle, die mit Laufkränen und schwerem Hebegerät ausgestattet ist, befinden sich Werkstätten, in denen die unterschiedlichsten Teile für die Produktion der kieferschen Kunstprojekte hergestellt werden. Der Künstler, mit Fahrrad und Funkgerät ausgerüstet, ist allgegenwärtig, erteilt Anweisungen und überwacht den Fortgang der Produktion bis ins kleinste Detail.

In den letzten Jahren war es mir möglich, 15 Arbeiten aus verschiedenen Werkphasen der letzten zehn Jahre zu erwerben. Die Bedeutung dieser Werkgruppe verlangt geradezu nach einer gesamtheitlichen Präsentation, die mit dieser Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Es ist mir eine große Freude, dass diese Ausstellung nunmehr zustande gekommen ist und die Zustimmung des Künstlers gefunden hat. Ich habe diese Präsentation selbst kuratiert. Dabei war es mir ein Anliegen, die Arbeiten so zu platzieren, dass jedem Werk der nötige Freiraum zugestanden wird und spannende Dialoge zwischen den Arbeiten entstehen. Darüber hinaus galt es, auch die Architektur und die Raumfolge der Galerien zu beachten. Für die Besucher soll dadurch ein spannender Parcours durch die Abfolge von Arbeiten geschaffen werden, um die Kraft, Ausstrahlung und Spiritualität der Werke spür- und erlebbar zu machen.

Ich wünsche mir, dass möglichst viele Besucher und Besucherinnen sich vom Werk dieses bedeutenden Künstlers faszinieren und inspirieren lassen.

Karlheinz Essl

Die Ausstellung >ANSELM KIEFER< ist bis 29. Mai im Essl Museum zu sehen.

Der vorliegende Text ist vollständig im Ausstellungskatalog >ANSELM KIEFER – Werke aus der Sammlung Essl< abgedruckt. Der 136 Seiten starke Katalog mit zahlreichen Abbildungen enthält Texte von Karlheinz Essl, Andreas Hoffer, Mela Maresch, Günther Oberhollenzer, Wieland Schmied und Anna Szöke. Der Katalog ist im Bookshop des Essl Museums und im Buchhandel erhältlich.

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