Markus Vallazza – große Schau in Südtirol für einen der ersten Sammlungskünstler

Auf Schloss Kastelbell in Südtirol findet derzeit eine große Ausstellung mit Werken von Markus Vallazza statt. Dem Sammlungskünstler Vallazza war 1984 eine der ersten Ausstellungen gewidmet, die Agnes und Karlheinz Essl am Beginn ihrer Ausstellungstätigkeit veranstalteten.

Markus Vallazza (geboren 1936 in St. Ulrich / Südtirol) gehört heute zu den großen Zeichnern und Grafikern unserer Zeit. Die von Alessandro Casciaro und Renate Maruschko kuratierte Ausstellung wurde am 21. April eröffnet und zeigt ausgewählte Werke der letzten vierzig Jahre. Günther Oberhollenzer, Kurator im Essl Museum, hat für den Ausstellungskatalog den Aufsatz verfasst und auch die Eröffnungsrede gehalten. Lesen Sie unterhalb den Katalogtext.

v.l.n.r.: Günther Oberhollenzer, Markus Vallazza, Renate Maruschko, Alessandro Casciaro und Georg Wielander vom Kuratorium Schloss Kastelbell, Fotonachweis: Günther Schöpf

v.l.n.r.: Günther Oberhollenzer, Markus Vallazza, Renate Maruschko, Alessandro Casciaro und Georg Wielander vom Kuratorium Schloss Kastelbell, Fotonachweis: Günther Schöpf

 

Der Weltenzeichner

Eine Annäherung an das einzigartige grafische Tagebuch von Markus Vallazza

Man muß diese Welt begriffen haben, um sie zeichnen zu können.
Kurt Tucholsky

Mit Dante Alighieri hat er den dunklen Wald überwunden, die Hölle durchlitten und sich einen eigenen Himmel erschaffen, mit Friedrich Nietzsche dessen Lebenswelt und geheimen Obsessionen nachgespürt, mit Charles Darwin das Wunder und die Formenvielfalt der Evolution erkundet: Markus Vallazza. Zeichner, Radierer, Poet, Weltbürger. Unzählige Schriften der Weltliteratur hat er gezeichnet, interpretiert, nie nur illustriert. Don Quijote von Miguel de Cervantes war und ist dem Künstler ein treuer Gefährte in der Erkenntnis, dass auch Scheitern ein Gewinn sein kann, mit dem „edlen Ritter von der traurigen Gestalt“ hat er gegen Hubschrauber, auch gegen politische Ignoranz oder den oft unreflektierten technischen Fortschritt angekämpft. Texte von Sophokles bis zu den Dolomitensagen, von Arthur Rimbaud bis zu Friederike Mayröcker wurden von Vallazza zeichnerisch neu erzählt, Leben und Musik von Wolfgang Amadeus Mozart fanden mit spitzer Feder zeichnerischen Widerhall, befreundete und verehrte Künstler – wie Alberto Giacometti, Pier Paolo Pasolini oder auch Norbert C. Kaser – wurden in intimen Porträts verewigt. Wir Betrachter begleiten Vallazza auf all seinen künstlerischen, literarischen, auch wissenschaftlichen Reisen, wir sind mit dem Zeichner verbunden, dürfen an Lebensstationen, Hoffnungen und Wünschen des Künstlers ebenso teilhaben wie an seinen Leiden und Kämpfen. So auch in dieser Ausstellung. Sie zeigt eine Auswahl aus Bekanntem und Unbekanntem, gruppiert nach thematischen Schwerpunkten, die Vallazza zeit seines Lebens begleitet haben. Wir entdecken noch nicht Gesehenes, etwa ein wundersames „Raritätenkabinett“, erkunden manch feingliederiges Insekt, das, wie einem alten zoologischen Lehrbuch entsprungen, ein Eigenleben beansprucht. Wir rätseln über symbolisch aufgeladene Pinocchio-Gouachen und staunen über Assoziationen zu den Dolomitensagen in der überraschenden Technik des Holzschnittes. Und wir freuen uns, zahlreiche grafische Arbeiten wieder zu sehen, die wunderbaren Berglandschaften, die knorrigen Olivenbäume („Zu Dante nachdenkend“), die an die Vergänglichkeit gemahnenden Stillleben oder besonders eine Reihe von Tagebuchblättern, die unvergleichlich den unersättlichen Wissens- und Sinnesdrang Vallazzas bebildern.

Tagebuchgleich ist das gesamte Werk. „Ich zeichne und schreibe mich selbst auf“, notiert Vallazza, „vielleicht will ich mir und anderen dadurch beweisen, daß ich existiere.“[1] Seine Themen kreisen um Leben und Tod, Liebe und Sinnlichkeit. Er ist kein kalkulierter, nüchterner oder um kritische Distanz bemühter Künstler. „Ich versuche so zu zeichnen, wie ich bin. Das heißt, ich zeichne, was ich sehe, denke, fühle, träume.“[2] Er lässt uns mit Zeichnungen, Radierungen, neuerdings auch Holzschnitten Anteil nehmen an seiner persönlich und emotional zu Papier gebrachten überbordenden und chaotischen, schrecklichen, aber auch wunderschönen Welt, die so auch in unser Leben fließt, ja Teil unseres kollektiven Gedächtnisses geworden ist. Können wir die „Divina Commedia“ noch lesen, ohne auch Vallazzas Höllenvisionen zu imaginieren? An Friedrich Nietzsche denken ohne die so menschlich gestalteten Porträts des Künstlers vor Augen?

Markus Vallazza Le Chemin de F.Nietzsche, 2001 Radierung laviert © Markus Vallazza 53,5 x 74,5 cm Fotonachweis: Archiv Goethe Galerie, Bozen

Markus Vallazza
Le Chemin de F.Nietzsche, 2001
Radierung laviert, 53,5 x 74,5 cm
© Markus Vallazza
Fotonachweis: Archiv Goethe Galerie, Bozen

Vallazza hat sich nie von seinem künstlerischen Weg abbringen lassen. Er hielt Menschenbildnisse und Tagebuchnotizen fest, als die gegenstandslose Malerei mit abstraktem Expressionismus und Informel das angebliche Maß aller Dinge war, er radierte Dantes „Divina Commedia“, als Neue Medien und konzeptionelle Ansätze die traditionellen Techniken zu verdrängen schienen, und er zeichnete immer noch, als in den letzten Jahren eine „Rückkehr“ und „Wiederentdeckung“ der (figurativen) Malerei und Zeichnung bejubelt wurde. Kurzzeitige Trends und Moden interessieren den Künstler nicht. Zu Recht. Die zeitgenössische Kunst ist heute vielfältiger denn je, neue Ausdrucksformen wie Video- und Computerkunst bereichern sie. Die Zeichnung – als Kunst so alt wie die Menschheit – wird es aber immer geben, ist und bleibt sie doch eine der unmittelbarsten Ausdrucksformen künstlerischer Vorstellungskraft und Kreativität. Ein Zeichenstift. Ein Blatt Papier oder eine Druckplatte. Das genügt. Und ein ganzer Kosmos kann entstehen.

Vallazza gehört zu den unumstrittenen Meistern seines Fachs und gilt als einer der bedeutendsten Zeichner und Radierer Europas. Virtuos führt er uns die Zeitlosigkeit der Zeichnung vor Augen. Mit ein paar Strichen erschafft er ein Gesicht, eine Emotion, eine Welt. Seine berauschende Detailfreude, die stets hohe Qualität der Blätter und der unfassbare Umfang des grafischen Werks beeindrucken und überwältigen. Als er zu radieren begann, war Druckgrafik beliebt und weit verbreitet, im schnelllebigen Kunstbetrieb der Gegenwart ist sie nur mehr wenig präsent. Die Welt ist heute bunt und grell. Vielleicht haben die Menschen das grafische Sehen verlernt, ein Sicheinsehen und -fühlen in Schwarz-Weiß, in einen reduzierten Farbklang, wie man ihn früher noch von Zeitung, Fotografie oder Film gewohnt war. Gleichzeitig hat sich aber gerade in den letzten Jahren das literarisch-zeichnerische Genre der Graphic Novel zu einer überraschend ernst zu nehmenden Kunst entwickelt. Vallazzas grafischem Werk wurden schon öfter Berührungspunkte zur Comicsprache attestiert. Der Amerikaner Craig Thompson ist einer ihrer bekanntesten Vertreter. In seinem autobiografischen illustrierten Roman „Blankets“ beschreibt er das Erwachsenwerden in einem christlich-fundamentalistischen Umfeld. Wenn er zeichnete, waren dies „die einzigen wachen Momente meiner Kindheit, in denen ich das Gefühl hatte, das Leben sei heilig und lebenswert“. Zeichnen ist für Thompson – ähnlich wie für Vallazza – eine Möglichkeit zur Flucht aus Enge und Provinzialität. „Wie befriedigend es ist, auf einer weißen Fläche Spuren zu hinterlassen“, heißt es am Ende des Buches, als sein Alter Ego durch den frisch gefallenen Schnee stapft. „Eine Karte meiner Bewegung anzufertigen und sei sie auch noch so vergänglich.“[3]Mögen die Zeichnungen auch flüchtig erscheinen, ist es doch der Wunsch, dass etwas bleibt.

Markus Vallazza Inferno / Canti I/XXXIV, 1995 Mit Tuschfeder überarbeitete Kaltnagelradierung © Markus Vallazza 52,5 x 75,5 cm Fotonachweis: Ludwig Thalheimer / Lupe Bozen

Markus Vallazza
Inferno / Canti I/XXXIV, 1995
Mit Tuschfeder überarbeitete Kaltnagelradierung, 52,5 x 75,5 cm
© Markus Vallazza
Fotonachweis: Ludwig Thalheimer / Lupe Bozen

„Wer weiß, ob nicht die Welt bloß ein ewiger Strom von Dingen und Geschehnissen, der Schein das einzig Wahre, die Illusion die einzige Wirklichkeit ist“, zitiert Vallazza in einem Tagebuchblatt aus der dramatischen Erzählung „La Tentation de Saint-Antoine“ von Gustave Flaubert. Die Zeichnung mit dem wunderbar ironischen Titel „Mein Privatfernsehprogramm“ (inspiriert von einem Besuch des Kunsthistorischen Museums in Wien – „Das Pelzchen“ von Peter Paul Rubens ist unschwer zu erkennen) wirft die Frage auf: Ist die wahre Wirklichkeit die des Scheins, die eigentliche Realität die der Kunst? Auch das zentrale Thema Cervantes’ ist das Rätsel, was in unserer Umwelt Wirklichkeit ist und was Traum, der Konflikt zwischen Ideal und Realität. Der Leser bleibt im Zweifel, ob er seinen Helden als lächerlichen Narren oder aber als versponnenen Idealisten einordnen soll. Doch ist es nicht gerade der Triumph des Zeichners oder Schriftstellers, selbst eine Realität zu stiften? Eine Realität vielleicht gar von höherem Rang als die, in der wir leben? Abbildung von Wirklichkeit kann nicht das Ziel der Kunst sein. Genährt aus Erfahrungen und Wissen ist es vielmehr Privileg und Fähigkeit des Künstlers, sich seine eigene Welt zu imaginieren, mit selbst erwähltem Regelwerk und Gesetz – eine Schöpfung, die aber zugleich zurückstrahlt auf unser Leben, über unsere Existenz erzählt.

Vielleicht muss man die Welt nicht begriffen haben, um sie zeichnen zu können, wie Tucholsky meint, sondern man muss seine eigene Welt zeichnen, um sich selbst und unser Sein begreifen zu können. Vallazza zeichnet mit unbändiger Kraft und Energie, um sich seine „Divina Commedia“, seinen „Don Quijote“ zu erschaffen, um sich an der Welt zu reiben und den Menschen, „das aufregendste und rätselhafteste Wesen auf unserem Planeten“[4], zu ergründen. Kunst als Erzählung vom Menschen in der Welt: Vallazzas zeichnerisches Werk ist reich davon.

[1]     Markus Vallazza, in: Peter Bloch (Hrsg.), Markus Vallazza. Tagebuchauszüge und Zeichnungen aus den Jahren 1978/79, Edition Peter Bloch, Innsbruck 1980, S. 6.

[2]     Markus Vallazza, in: Aus der Werkstatt. Ein schriftliches Interview mit Markus Vallazza von Arnold Dall’O und Georg Engl, Sturzflüge. Eine Kulturzeitschrift, Nr. 31, Bozen 1990, S. 49 f., hier S. 49.

[3]     Craig Thompson, Blankets. Ein illustrierter Roman, Carlsen Verlag, Hamburg 2009, S. 44, 581 f.

[4]     Markus Vallazza, Zu meinen Porträts aus fünfzig Jahren, in: Markus Vallazza. Portraits / Ritratti 1956–2002, Edition Raetia, Bozen 2006, S. 80 f., hier S. 81.

Katalogbeitrag von Günther Oberhollenzer

Die Ausstellung „MARKUS VALLAZZA – Ausgewählte Werke“ ist auf Schloss Kastelbell bis zum 10. Juni 2012 täglich (außer Montag) von 14.00 – 18.00 Uhr zugänglich, an Sonn- und Feiertage von 11.00 – 18.00 Uhr.

Schloss Kastelbell Fotonachweis: Günther Oberhollenzer

Schloss Kastelbell
Fotonachweis: Günther Oberhollenzer

Schloss Kastelbell
Schlossweg 1
I-39020 Kastelbell-Tschars (Südtirol)
E-Mail: info@schloss-kastelbell.com
Tel.: +39 0473 624193
http://www.schloss-kastelbell.com/de/veranstaltungen/programm.html

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