„Ich unterscheide nicht zwischen Abstraktion und Figuration “ – Im Dialog mit CECILY BROWN

Das Essl Museum widmet der in London geborenen Malerin Cecily Brown (*1969) die erste große Museumspräsentation in Österreich. Gezeigt werden ganz neue Arbeiten und ein Werkblock mit Monotypien, die direkt aus dem Atelier in New York kommen. Die Basis der Ausstellung bilden fünf Werke Browns aus der Sammlung Essl, die um internationale Leihgaben ergänzt werden.

Silvia Köpf, Kuratorin im Essl Museum, hat im März 2012 ein Interview mit der Künstlerin geführt.

Silvia Köpf: Als Sie das Ehepaar Essl im vergangenen Jahr in Ihrem Atelier besucht hat, gab es auch kleinformatigere Zeichnungen zu sehen. Benutzen Sie diese als Skizzen bzw. welche Rolle spielt in Ihrem Oeuvre das grafische Werk?

Karlheinz Essl und Cecily Brown im Atelier der Künstlerin in New York (c) Andreas Hoffer, Archiv Sammlung Essl

Karlheinz Essl und Cecily Brown im Atelier der Künstlerin in New York (c) Andreas Hoffer, Archiv Sammlung Essl

Cecily Brown: Die Zeichnungen sind keine Vorstudien. Ich versuche jedes Medium für die Dinge einzusetzen, die nur mit diesem Medium möglich sind. Das heißt, seine spezifischen Eigenschaften auszunützen. Daher sind die Aquarelle und Gouachen ganz anders als die Ölbilder, und auch die Drucke sind eigenständig – und natürlich unterscheiden sich auch Monotypie, Lithographie und Radierung stark voneinander.

Manchmal setze ich Zeichnungen ein, um eine Form zu verstehen. Sobald man etwas mehrmals gezeichnet hat, führt man den Pinsel sehr viel souveräner, wenn man es anschließend aus dem Gedächtnis malt. Daher zeichne und male ich oft ähnliche Dinge zur gleichen Zeit. Aber ich beziehe mich beim Malen sehr selten auf die Zeichnungen.

SK: Eine ganz allgemeine Frage zur Bildentwicklung: Gibt es von Beginn an eine bestimmte Idee? Wie ist der Prozess der Entstehung von der weißen Leinwand bis zum fertigen Bild? Wovon ist dieser Prozess geprägt und was entwickelt sich dabei?

CB: Ich beginne ein Bild mit mehreren Ideen im Kopf. Normalerweise trage ich zunächst Farbe auf, und die ersten Formen, die sich daraus ergeben, bestimmen die Richtung, die das Bild schließlich nimmt. Ich habe nie eine klare Vorstellung vom Endergebnis. Ich arbeite gleichzeitig an mehreren Bildern, und die Ideen entwickeln sich in verschiedenen Bildern auf unterschiedliche Art.

Das Atelier von Cecily Brown in New York  (c) Andreas Hoffer, Archiv Sammlung Essl

Das Atelier von Cecily Brown in New York (c) Andreas Hoffer, Archiv Sammlung Essl

Im Laufe des Malens kommen und gehen die Ideen. Üblicherweise spielen sich da einige „Themen“ gleichzeitig ab. Je länger ich male, desto klarer wird mir, dass man gar nicht so viele Ideen braucht. Man kann mit einer Idee auch fünf Jahre auskommen.

Auch das Bild kommt und geht. Ich unterscheide nicht zwischen Abstraktion und Figuration und möchte die Grenzen fließend halten. Ich will das Beste aus beiden Welten. Ich möchte nicht etwas beschreiben, sondern etwas erfinden.

SK: Als wichtige und naheliegende Vorbilder im Zusammenhang mit Ihrer Malerei werden immer wieder de Kooning oder Hogarth genannt. Haben Sie noch andere Künstlerkollegen, zeitgenössische oder aus der Vergangenheit, die Sie besonders schätzen?

CB: Die Künstler, die mir (neben Hogarth und de Kooning) am meisten am Herzen liegen sind wohl Bosch, Breughel, Degas, Delacroix, Goya und Tizian. Auch Ensor, Soutine, Bacon und Manet. Unter den Zeitgenossen mag ich Charline von Heyl und Dana Schutz und noch ein paar andere …

Ich sehe mir sehr oft die Bilder alter Meister an.

Cecily Brown - New Works  „Untitled“, 2012 © Cecily Brown Courtesy Gagosian Gallery. Photography by Robert McKeever

Cecily Brown – New Works „Untitled“, 2012 © Cecily Brown Courtesy Gagosian Gallery. Photography by Robert McKeever

SK: Das mit Ihren Bildern vertraute Publikum weiß, dass es, zumindest auf den zweiten Blick, bestimmte Motive oder Details in Ihren zunächst abstrakt wirkenden Bildern gibt. Sie spielen ganz bewusst mit den Blicken der Betrachter. Das bewirkt ein längeres Verweilen vor Ihren Bildern, als viele Menschen es für gewöhnlich tun. Wie wichtig ist Ihnen dieser Aspekt?

CB: Ich bin begeistert, wenn die Menschen ein Bild länger als nur ein paar Sekunden betrachten. Es ist mir sehr wichtig, dass man ein Bild lange Zeit und immer wieder ansehen kann. Ich möchte, dass da eine Endlosschleife aus Überraschung und Vergnügen entsteht und die Betrachter bei jedem Mal mehr entdecken.

SK: Warum haben Sie 1994 die Entscheidung getroffen, von London nach New York zu übersiedeln, gerade in einer Zeit in der Künstler Ihrer Generation als „Young British Artists“ erste große Erfolge in Europa feierten? Wie stehen Sie zur Kunst der YBA? Sehen Sie in Ihrer Kunst Überschneidungen zu den sogenannten „Artists of Sensation“?

CB: Ich bin nach New York gezogen weil ich die Stadt liebe, und obwohl die YBA schon sehr bekannt waren, als ich London verließ, war ich nicht Teil dieser Gruppe. Ich fand New York offener für Malerei. Ich sehe ein paar thematische Gemeinsamkeiten mit einigen früheren YBA Künstlern, beispielsweise Sarah Lucas und Jake und Dinos Chapman, aber vom Ansatz her sind wir ganz verschieden.

Die Ausstellung >CECILY BROWN< eröffnet am 19. Juni 2012 und ist bis 7. Oktober 2012 im Essl Museum zu sehen.

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