Essl Museum @ documenta 13: HEILUNG DURCH KUNST – KASSEL UND KABUL

Heilung durch Kunst – Kassel und Kabul
Starke Momente, sinnliche Kunst, Diskussionen an spannenden Orten

Team des Essl Museums bei der documenta 13, Foto: Alexander Föllenz

Team des Essl Museums bei der documenta 13, Foto: Alexander Föllenz

Ein Team des Essl Museums war im Juli 2012 für ein Wochenende in Kassel – für einige Monate der Hauptschauplatz zeitgenössischer Kunst in Europa. Andreas Hoffer hat die Eindrücke des Teams in Worte gefasst.

Zwei Videoleinwände, im Winkel zueinander gestellt: Auf der einen ein Gang durch das Fridericianum in Kassel, eines der ersten öffentlichen Museumsbauten Europas, im zweiten Weltkrieg zerstört, ab 1955 Hauptschauplatz der documenta, ein glatt renovierter Bau, auf der anderen Leinwand ein Gang durch den riesigen, mehrfach zerstörten Darulaman Königspalast in Kabul, eine gigantische Ruine und trotzdem von spürbarer Erhabenheit. Marian Ghani spricht dazu einen poetischen Text über die Geschichte beider Häuser, über Macht, Kultur und Zerstörung, der viele Gedanken auslöst, eine Ruhe ausstrahlt, die dieses sich Gedanken machen erst ermöglicht.

Marian Ghani @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Marian Ghani @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Die Verbindung von Kassel und Kabul, die Carolyn Christov Bakargiev für die documenta 13 hergestellt hat, scheint mir eine wunderbar sinnfällige Idee. Kassel als ein Zentrum deutscher Rüstungsindustrie war im 2.Weltkrieg ein Ort schrecklicher Zerstörung. Durch die documenta wurde es aber auch zu einem Ort, der zu einem Symbol für die Kraft der zeitgenössischen Kunst wurde. Kabul ist ein Ort großer Kultur und Geschichte, der ähnlich wie Kassel, ein halbes Jahrhundert später, nach mehrfacher Zerstörung in Trümmern liegt. Aber anders als in Kassel wird Kabul wohl nicht so schnell wieder zu einer wie auch immer gearteten Normalität zurückgelangen können. Gerade da scheint es wichtig, dass die Kunst Zeichen setzt, so das Credo der Kuratorin und das bildet auch einen inhaltlichen Strang dieser documenta – die mögliche Heilung durch Kunst.

Dieses Thema taucht immer wieder auf: Zum Beispiel im Elisabethkrankenhaus, dem einzigen unzerstörten Bau im Zentrum Kassels. Hier werden sowohl Arbeiten von Studenten aus Kabul gezeigt als auch Projekte, die dort realisiert werden – kraftvolle Zeichen der Hoffnung.

Michael Rakowitz hat mit afghanischen Handwerkern Steinmetz – Techniken anhand von Workshops vermittelt, unter den Taliban war dieses Handwerk verpönt. Im Tal der zerstörten Buddha-Statuen haben sie Bücher aus Stein gemeißelt, Bücher der bedeutenden Bibliothek, die im Fridericianum großteils im Feuersturm 1943 verbrannte. Der Raum mit diesen Büchern im Fridericianum gehört zu den sowohl ästhetisch als auch inhaltlich starken und zugleich sinnlichen Arbeiten dieser Schau. Rakowitz schreibt handschriftliche kurze, lapidare Kommentare zu den Büchern, die eindrücklich auf Schuld und Verstrickung der Deutschen im Nationalsozialismus hinweisen – ein inhaltlicher Schwerpunkt dieser Schau.

Eine weitere Videoarbeit, die besonders beeindruckte, war Clemens von Wedemayers parallel in drei Zeitebenen und Videowalls erzählte Annäherung an die Geschichte des Klosters Bellheim bei Kassel, das nach der Säkularisation als Gefängnis, im Zweiten Weltkrieg als KZ und später als Erziehungsheim für Mädchen diente. In dieser Parallelität von drei Zeiten (1945, 1970er Jahre und 1990), Bildern und Klangebenen wird den Betrachtern in höchst ästhetischer Form die Verstrickung und Verbindung von Orten und Geschichte bewusst gemacht. Orte wie Bellheim, die aufgrund ihrer baulichen Schönheit auf den ersten Blick harmlos wirken und doch Orte des Schreckens sein können. Bis vor kurzem gab es dort nicht einmal eine Erinnerungstafel an die belastete Geschichte des Ortes. Die Arbeit ist auch formal und konzeptionell sehr beeindruckend. Die drei großen Leinwände bilden ein Dreieck, so ist es möglich, jede der drei Handlungs- und Zeitebenen einzeln zu sehen, aber auch an den Scheitelpunkten zwei der Filme gleichzeitig verfolgen und dabei die präzise Durchkomponierung der Handlung und Tonebenen erleben, bei der sich immer wieder einzelne Momente überlagern.

Wie sehr Orte Normalität und Banalität verkörpern und doch die Geschichte, die Energie und die Erinnerung in sich tragen, wie sehr die Welt aus parallelen Welten und Erfahrungen besteht, macht auf poetisch sinnliche und doch auch sehr politische Weise die Audio-/Videoerkundung des alten Kasseler Bahnhofs von Janet Cardiff und George Bures Miller bewusst. Man leiht sich ein iPhone mit Kopfhörern aus und begibt sich mit ihm auf einen Rundgang durch das Gelände des Kasseler Bahnhofs. Es ist beeindruckend, wie sehr sich die Realität des Augenblicks mit der Klang und Bildrealität vermischt. Plötzlich taucht eine kleine Blaskapelle auf und man dreht sich real um, weil man glaubt, sie wäre in diesem Moment dort. Besonders eindrücklich dann der Moment, wo man auf Gleis 13 steht, ein ganz normaler, alltäglicher Bahnsteig, und erfährt, dass von hier aus die Kasseler Juden abtransportiert wurden. Diese Arbeit ist ein Ballanceakt von großer Poesie, Schrecknis und dem Ineinanderfließen von Lebensrealität des Besuchers und der Kunst, eines der wichtigen Themen dieser documenta. Die Arbeit war auch wegen ihrer perfekten Klangqualität so stark. Die beiden Künstler begegnen uns mit einer weiteren Arbeit in einer Lichtung in der Karlsaue. Dort stehen einige Baumstümpfe, auf denen man Platz nehmen kann, und aus dreißig Lautsprechern wird die Lichtung beschallt und zu einem Ort der Kontemplation und Emotion. Auch hier verfließen Kunst und Realität, starke Momente sinnlichen Erlebens.

Noch ein höchst verstörendes Video wurde in der Karlsaue gezeigt, noch einmal war die Verbindung Deutschland und Afghanistan das Thema. Der in Berlin lebende israelische Künstler Omer Fast zeigt immer die gleiche Szene in Varianten und in einem endlosen Loop. Ein deutsches Ehepaar holt zu Weihnachten ihren aus dem Krieg heimkehrenden Sohn ab. Sie essen unterm Tannenbaum, unterhalten sich, gehen schlafen. So das immer gleiche Setting. Aber jedes Mal ist es ein anderer Junge, der anders reagiert, der Krieg bricht immer wieder in die scheinbar normale Familiensituation ein. Es kommt auch zu verstörenden sexuell aufgeladenen Szenen zwischen dem Vater, der Mutter und den jeweiligen Sohn. Wir haben am Abend lang über den eindrücklichen Film diskutiert. Ich sah es als eine Versuchsanordnung zur Parallelwelt von Kriegsteilnehmern und Zuhausegebliebenen, zur Unvereinbarkeit von divergierenden Erlebnisrealitäten, Günther Oberhollenzer aber war der Intention von Fast näher: Eltern, die ihren Sohn im Krieg verloren haben, engagieren Callboys, die den Sohn spielen, um ihren Verlust zu verkraften. Auf jeden Fall sehr spannend, wirklich starke Videokunst!

Das ist alles bisher höchst aufgeladene, aber auch sehr sinnliche Kunst. Sehr viel Sensibilität hat die Kuratorin Carolyn Christov Bakargiev auf die Auswahl der Orte gelegt. Zum einen werden sehr viele nicht museale Orte zu Orten der Kunst und die Besucher so auch zu Stadterkunder. Zum anderen ist Carolyn Christov Bakargiev oft eine wunderbare Übereinstimmung von Ort und Kunst gelungen. Dafür nun zwei Beispiele:

Nedko Solakov @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Nedko Solakov @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Der bulgarische Künstler Nedko Solakov hat die besondere Gabe; mit ein paar wenigen Strichen und wenigen, wie hingeworfen wirkenden Worten in großer Poesie Welt und Leben philosophisch zu erkunden. Hier hat er eine mehrere Räume umfassende künstlerische Realisation seines Kindheitstraums umgesetzt. Er wollte einmal Ritter sein. Multimedial und mit wunderbarer Ironie nähert er sich den Möglichkeiten, Ritter zu sein, an, lässt sich als Ritter malen oder spielt bei Ritterspielen mit, besucht einen Malteser Ritter und spielt in einer Band als Ritter mit. Im abschließenden Raum dann ein letzter Satz, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn dieser Kinderwunsch ein Traum geblieben wäre, „maybe“. Diese Arbeit hat Solakov im Museum der Brüder Grimm (die in Kassel gelebt und gearbeitet haben) instaliert– eine wunderbare Kombination.

Yan Lei @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Yan Lei @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Der chinesische Künstler Yan Lei, der auch in der Sammlung Essl vertreten ist, hat in einem Raum der documenta-Halle eine großformatige, sinnlich überbordende Installation von Gemälden verwirklicht. Als Vorlage für die 360 figurative Bilder – jeden Tag entstand ein Werk (das chinesische Jahr hat 360 Tage) – dienen Fundstücke aus dem Internet und anderen Bildquellen. Nun hängen sie an den Wänden und von der Decke herab, andere werden auch in einem Gemäldeschrank aufbewahrt. Täglich werden Bilder der Ausstellung entnommen und in einer nahegelegenen industriellen Produktionsanlage mit Autolack übersprüht. Dann kehren sie in den Raum zurück und verwandeln ihn langsam in eine Ausstellung monochromer Bildern. Eine Reflexion darüber, wie man dem unüberschaubaren Bilderfluss unserer Zeit mit den Mitteln der Malerei begegnen kann.

Cevded Erek schafft eine ganz andere Symbiose mit dem Ausstellungsraum. Vom dritten Stock des Kaufhauses C&A führt ein Gang in eine leerstehende Halle, ähnlich wie auf der anderen Seite der Verkaufsraum. Nur scheint auf den ersten Blick wirkt dieser Raum völlig leer, nur ein aus vielen Lautsprechern tönende, tiefe, an Herztöne erinnernde Rhythmus erfüllt den Raum. Im Durchwandern des Raumes bemerkt man nach und nach die vielen kleinen Eingriffe des Künstlers, mit größter Präzision und Sorgfalt gesetzte architektonische Zeichen und kleine Verweise auf die Parallelwelt auf der anderen Seite des Ganges. Ein ruhiger, ästhetisch konzentrierter Raum. Die Eingriffe erinnern in ihrer spröden Einfachheit und Klarheit an die Objekte von Thea Djordjadce in einem Glashaus in der Karlsaue, eine georgische Künstlerin, auch sie ist in der Sammlung Essl vertreten.

Geoffrey Farmer @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Geoffrey Farmer @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Ähnlich konzentrierte Räume mit höchst ästhetischen und sinnlichen Arbeiten finden sich viele auf dieser documenta. Beispielsweise Tacita Deans auf riesigen schwarzen Tafeln gesetzte, über zwei  Stockwerke eines ehemaligen Finanzamtes reichende Kreidezeichnungen von geologischen Formationen, insbesondere von Bergmassiven in Afghanistan. Oder der langgestreckte Arkadenraum, in der übrigens vorbildlich neu adaptierten Neuen Galerie, den Geoffrey Farmer bespielt. Er hat über die gesamte Länge des Raumes eine schiffsähnliche Installation geschaffen aus hunderten hinter und nebeneinander gesteckten Stäben, auf denen alte Aufnahmen aus dem Life Magazin fahnengleich einen Fluss der Geschichte bilden. Ein wunderschöner, gleichsam aber auch melancholischer Abgesang auf die Erinnerung und die Frage danach, was bleibt.

Ein besonderer Ort ist das vom amerikanischen Künstler Theaster Gates besetzte ehemalige Hugenottenhaus in der Friedrichstraße. Mit Abrissmaterialien eines Hauses in Chicago werden kollektiv  im Abrisshaus in Kassel alternative Formen von Kunst und Leben produziert.

Gleich daneben in einem ehemaligen Saal des 50er Jahre Hotel „Hessenland“ findet sich eine der beeindruckendsten Arbeiten dieser documenta, ähnlich bewegend wie die Arbeiten von Janet Cardiff und George Bures Miller. Tino Sehgal, britischer Performancekünstler aus Berlin, führt uns blind in ein Kunsterlebnis. Der Raum, den man betritt, ist komplett dunkel. Als wir eintreten, hören wir nur eine Stimme Englisch sprechen, und wir gehen, am Ausgang stehend, bald wieder. Die Soundinstallation im Dunkeln interessiert uns nicht. Im Hugenottenhaus spricht mich ein Aufseher an, ich solle zurückgehen, die Arbeit würde sich erst nach zehn Minuten erschließen. Wir sind ihm noch jetzt dankbar für diesen Hinweis. Also wieder zurück in den dunklen Raum. Nun gehe ich weiter hinein und diesmal sind gesangsähnliche Geräusche zu hören, nach und nach gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit und man erkennt, dass der Raum voller Performer ist, die tanzen, sich durch den Raum bewegen und singen, rhythmische Geräusche produzieren und manchmal auch die Besucher mit einbeziehen. Großartig, diese langsame Verschmelzung von Realität und Kunst, einer Kunst die wirklich sinnlich ist und Lust macht auf mehr.

Giuseppe Pennone @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Giuseppe Pennone @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Lust macht auch die Karlsaue, ein riesiger Park, der sich von der Orangerie hinunter zur Fuldaau zieht. Das barocke Parterre glänzt mit einem bepflanzten Müllberg von Song Dong und einem bronzenen Baum Guiseppe Pennones. Dann folgt der romantische englische Landschaftsgarten, in den Carolyn Christov Bakargiev über 30 Holzpavillons gestellt hat, mit künstlerischen Arbeiten, die man sich ergehen muss, die nicht aneinandergereiht im Museum abgeschritten werden können, sondern so verstreut stehen, das man gezwungen wird, zu entschleunigen. Der Park spielt dabei immer eine bedeutende Rolle, Natur Kunst und Lebensrealität scheinen vereint.

Es gäbe noch viel zu berichten, auch, dass natürlich nicht alles aufgeht, manche Positionen nicht gehalten haben, was die Kuratorin versprach, auch eine Reduzierung wohl getan hätte. Aber insgesamt war es eine höchst inspirierende documenta, vielleicht auch, weil soviel Sinnlichkeit und inhaltliche Prägnanz schon lange nicht mehr gesehen werden konnte.

Andreas Hoffer & Team

Die documenta 13 in Kassel dauert noch bis 16. September 2012.

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