Im Atelier mit Martin Schnur

Günther Oberhollenzer, Kurator der Ausstellung >MARTIN SCHNUR – Vorspiegelung<, hat den Künstler bei den Vorbereitungen zur Ausstellung in seinem Wiener Atelier besucht.

Es ist immer ein außergewöhnlicher Moment, den Menschen hinter den Kunstwerken kennen zu lernen. Wenn dieses Zusammentreffen im kreativen Raum des Ateliers stattfinden kann, ist das natürlich ein ganz besonderes Erlebnis.

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich Martin Schnur vor einigen Jahren das erste Mal in seinem Wiener Atelier besuchte. Damals unterstützte ich die NGO-Organisation „SOS Mitmensch“ darin, Künstlerinnen und Künstler für eine Wohltätigkeitskunstauktion zu gewinnen. So wandte ich mich auch an Martin Schnur. Wir kannten uns nicht persönlich, doch sein Werk schätzte ich sehr. Schnurs Herzlichkeit und Gastfreundschaft haben mich sogleich für ihn eingenommen – kam ich doch als Bittsteller und wusste, wie häufig Künstler mit der Anfrage belagert werden, ein Werk für einen wohltätigen Zweck zu spenden.

Atelier Martin Schnur

Atelier Martin Schnur

Er zeigte sich sehr großzügig, und ich hatte die Möglichkeit, mich ein wenig in seinem Atelier umzusehen: Großräumig, mit hohen Wänden, durch eine Fensterfront von Licht durchflutet – ein Arbeitsumfeld, wie es sich ein Künstler nur wünschen kann. Natürlich waren es aber vor allem die zahlreichen Malereien, gepaart mit den leidenschaftlichen Erläuterungen des Künstlers, die mir im Gedächtnis geblieben sind. So erzählte mir Schnur von seiner Motivsuche, wie er mit einer Fotokamera ausgerüstet, in verlassenen Gebäuden nach passenden Sujets Ausschau hält, Teiche und Waldstücke in der Umgebung von Wien erkundet oder Freunde und Bekannte auswählt, für ihn Modell zu stehen. Er ließ mich an seiner Begeisterung für Licht und Farbe, für Komposition und Form teilhaben und brachte mir seine ausgefeilte Maltechnik, seinen ganz besonderen Pinselduktus näher. Mit Begeisterung berichtete ich ihm, wie stark mich seine frühen Menschenbildnisse beeindruckten – auch weil die Dargestellten immer das Gesicht vom Betrachter abwenden und so entgegen dem althergebrachten Porträttypus, so meine Vermutung, eine Kommunikation mit dem Betrachter verweigern. Ach, meinte Schnur, diese Pose habe noch einen ganz anderen Grund: „Lange Zeit habe ich es einfach nicht gewagt, Gesichter zu malen…“. Diese Angst hat sich inzwischen wahrlich gelegt.

Atelier Martin Schnur

Atelier Martin Schnur

Im Laufe der Jahre folgten weitere Besuche, oft verbunden mit einem kurzen Blick ins Atelier und auf die wunderbaren Arbeiten der Künstlerin Karen Holländer. Sie ist die Frau von Martin Schnur und ihr Atelier befindet sich gleich neben jenem ihres Mannes. Rund um die Ausstellungsvorbereitungen war ich natürlich besonders häufig bei Schnur zu Gast. Jedes Mal gab es Neues zu sehen: große Malereien standen halbfertig auf der Staffelei, gerade fertig gewordene Kupferarbeiten hingen an den Wänden, in einem Eck stapelten sich kleine Zeichnungen oder Pastelle, die, fein gerahmt, nur darauf warteten, ausgestellt zu werden.

Die Werkauswahl

Viele neue Werke sind in der Ausstellung im Essl Museum  zu bewundern. Die Werkauswahl wurde zusammen mit dem Künstler festgelegt. Sie zu treffen war ein schwieriger, intensiver Prozess. Wir hatten das Privileg, aus dem Vollen zu schöpfen – was natürlich große Freude machte, gleichzeitig aber auch bedeutete, dass wir auf viele Arbeiten, die wir gerne gezeigt hätten, verzichten mussten. Andererseits ermöglicht gerade die Konzentration und Reduktion einen geschärften Blick auf das Werk.

Martin Schnur ins seinem Atelier

Martin Schnur ins seinem Atelier

Die Schau mit dem doppeldeutigen Titel „Vorspiegelung“ konzentriert sich bewusst auf das malerische Schaffen der letzten Jahre, in denen Schnur sein raffiniertes Spiel mit Spiegelungen, Reflexionen und miteinander verschränkten Realitätsebenen immer weiter vorangetrieben hat. Ein Fokus liegt auf den großen Ölbildern. Neben Leinwand verwendet Schnur für seine kleinformatigen Malereien häufig eine dünne Kupferplatte als Bildgrund. Diese in der zeitgenössischen Kunst selten verwendete Technik fasziniert ob ihrer Oberflächengestaltung und Haptik und ist auch deshalb besonders schön, weil das rötliche Metall immer wieder leicht durchschimmert.

Ein besonderes Anliegen war es mir, die kleinformatigen Pastelle zu zeigen. Sie können neben den großformatigen Arbeiten ohneweiters bestehen, zeigen doch gerade diese feinen Blätter, welch besonderes Gespür Schnur für Farbe und Form hat: Der Gegenstand löst sich immer mehr auf, die Natur wird zur reinen, fast abstrakten Farbkomposition.

Eine Neuheit sind die Objektarbeiten: Malerei und Skulptur, Fläche und Raum werden spielerisch zueinander in Beziehung gesetzt. Schnur greift damit auf seine Bildhauereiausbildung zurück und setzt gleichzeitig konsequent den Weg fort, mit den gemalten Bildern in den Raum zu gehen.

„Jeder Pinselstrich, jede Farbe ist eine Entscheidung“, so Martin Schnur, „die Arbeit verlangt eine ziemliche Disziplin, sie ist aber auch eine lustvolle Anstrengung.“[1] Jedem Waldstück, jeder Figur, jeder Spiegelung und Reflexion ist in Schnurs Malerei die Freude an der Malerei und das leidenschaftliche Erkunden ihrer Möglichkeiten anzusehen.

Alle Fotos: (c) Günther Oberhollenzer, 2012


[1] Martin Schnur in einem Fernsehinterview des ORF im Rahmen der Sendung „Herbstzeit“, September 2010.

Erschienen ist der vorliegende Text im Ausstellungskatalog >MARTIN SCHNUR – Vorspiegelungen<.  Der Katalog enthält weiters zahlreiche Abbildungen, ein Vorwort von Prof. Karlheinz Essl sowie Texte von Sonja Gruber und Hans Holländer, sowie einen zweiten Beitrag von Günther Oberhollenzer. Die Ausstellung ist noch bis 9. Juni 2013 im Essl Museum zu sehen.

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