Josef Kleindienst zu Gast bei >MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR<…ein Bericht

Die Schatten der Obstbäume jagten still vorbei. An der nächsten Haltestelle stieg Erwin aus. Er ging schnell die Dorfstraße entlang, bis er zum Gehöft kam, das lange sein Zuhause gewesen war. Seit einigen Monaten wohnte Erwin in der Stadt, wo er eine kleine Wohnung gemietet hatte. Er sei kein Kind mehr und es sei längst schon an der Zeit, dass er lerne selbstständig zu sein, hatte Ingrid, seine Schwester, ihm eines Tages mitgeteilt.

Mit diesen Worten eröffnet Josef Kleindienst seine aktuelle Erzählung Freifahrt, die soeben im Sonderzahl Verlag erschienen ist.

Josef Kleindienst liest, Martin Schnur lauscht.

Josef Kleindienst liest, Martin Schnur lauscht.

Am ersten Abend der Lesereihe >MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR< (27.02.2013) traf Josef Kleindienst auf den Künstler Martin Schnur in dessen Ausstellung >Vorspiegelung< im Großen Saal des Essl Museums. Nach der Lesung gab es eine Plauderviertelstunde, in der über Tragik und Humor, Bahnfahren und Beobachtungen gesprochen wurde. Hier ein Bericht.

Josef Kleindienst liest aus seiner Erzählung "Freifahrt".

Josef Kleindienst liest aus seiner Erzählung „Freifahrt“.

In Josef Kleindiensts Erzählung geht es um den jungen Mann Erwin, der in einem Dorf behütet aufgewachsen ist und nach dem Tod seiner Mutter auf das Betreiben seines Schwagers hin aus dem Elternhaus ausziehen musste. Er lebt in einer Kleinstadt, ist arbeitslos und hat so gut wie keine Idee, was er mit seinem Leben anfangen soll. Einmal die Woche fährt Erwin auf den Bauernhof der Eltern, wo ihn seine Schwester bekocht. Zum Geburtstag bekommt Erwin von seinem Vater eine Jahreskarte für das gesamte österreichische Streckennetz der ÖBB geschenkt. Der Vater will ihm damit die Jobsuche erleichtern, da er ja nun mobil ist. Anfangs über das Geschenk verärgert, beginnt der scheue und weltfremde Erwin schon bald zu reisen, allerdings nicht der Arbeitssuche wegen. Zum ersten Mal ist er in Innsbruck, Salzburg und Wien, er trifft jede Menge unterschiedlicher Menschen, wird bestohlen, von der Polizei aufgegriffen, verliebt sich in die Polin Agnieszka und lässt sich von Bahnhof zu Bahnhof treiben.

Im Gespräch nach der Lesung wurden eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen der Arbeit des Autors und jener des Künstlers entdeckt.

Martin Schnur und Josef Kleindienst im Gespräch nach der Lesung, moderiert von Erwin Uhrmann.

Martin Schnur und Josef Kleindienst im Gespräch nach der Lesung, moderiert von Erwin Uhrmann.

„Die Lektüre von Texten verschiedenster Gattungen bietet Schnur eine inspirierende Projektionsfläche, auf der plötzlich auch neue Bilder auftauchen können“, schrieb die Tageszeitung „Der Standard“ über Martin Schnur. Auch nach der Lesung von Kleindienst waren Schnur einige Szenen als Bilder besonders stark im Kopf geblieben, etwa das „Herumlungern“ auf Bahnhöfen und der Blick aus dem Zugfenster während der Fahrt, welchen er schon im Buchtrailer sehr schön gefunden hatte. Schnur selbst besitzt keinen Führerschein und ist gerne Bahnfahrer. Wie Kleindienst ist auch er in solchen Situationen ein ruhiger Beobachter von Menschen und Situationen, die inspirieren.

Kleindienst sammelte Ideen auf Zugfahrten, aus denen sich einzelne Szenen oder Bilder in der Erzählung ergaben. Auch Schnur verlässt das Atelier immer wieder, um zu seinen Bildern zu finden. Er schilderte  einen Bildfindungsprozess, als er gebrochenes Spiegelglas im Wald verschüttete (und nachher wieder entfernte), dort Fotos davon machte, angewiesen auf das jeweilige Tageslicht, und diese als Material für seine Malerei benutzte. In der Ausstellung >Vorspiegelung< sind mehrere dieser Arbeiten zu sehen.

Parallelen bei Bild- und Themenfindung zwischen Autor und Künstler. Martin Schnur erklärt, wie es zu seinen Bildern mit Spiegelscherben im Wald kam.
Ohne Titel, 2012, Foto: Daniela Beranek, © Martin Schnur

Besucher, Künstler und Autor plauderten ausgiebig in der Plauderviertelstunde.

Besucher, Künstler und Autor plauderten ausgiebig in der Plauderviertelstunde.

Sowohl Kleindienst als auch Schnur beschäftigen sich mit Randfiguren. In Martin Schnurs Bildern sind niemals Gruppen, immer nur einzelne Menschen zu sehen, und diese Menschen befinden sich zumeist in sehr einsamen, oft hermetischen und existenziell brüchigen Situationen. Josef Kleindiensts 2010 erschienenes Buch An dem Tag, als ich meine Friseuse küsste, sind viele Vögel gestorben beschäftigt sich ebenso mit einem Außenseiter wie seine Erzählung Freifahrt. Schnur und Kleindienst geht es in ihren Arbeiten um Selbstreflexion, sie geben große Einblicke in das Innenleben ihrer Figuren.

Der Große Saal des Essl Museums wurde erneut zur Literaturbühne.

Während der Lesung wurde oft gelacht, weil Kleindiensts Erzählung sich durch Ironie und Situationskomik auszeichnet. Der Literaturhaus-Rezensent Walter Wagner schreibt u.a. über Freifahrt:  „Aus einem Stoff, der geradezu prädestiniert für eine Tragödie scheint, hat Kleindienst einen überaus kurzweiligen Text gewoben, der den Leser bis zum Schluss bei Laune hält. Denn was zwischen dem Ein-, Aus- und Umsteigen unterwegs passiert, beschränkt sich nicht auf die ermüdende Aneinanderreihung von belanglosen Beobachtungen, sondern gerät durch Erwins situationskomisches ‚Talent‘ zur kabarettreifen Show, die außer dem arglosen Protagonisten sämtliche Beteiligten zum Lachen animiert.“

Martin Schnur spricht über die Bilder, die er in seinem Kopf hatte, als er Josef Kleindiensts Text hörte.

Martin Schnur spricht über die Bilder, die er in seinem Kopf hatte, als er Josef Kleindiensts Text hörte.

Für Josef Kleindienst als auch für Verleger Dieter Bandhauer ist das Buch eine Gratwanderung zwischen Tragik und Komik. Für den Autor ist vor allem die Unkenntnis jeglicher sozialer Codes das entscheidende Merkmal seines Protagonisten, woraus sich oft die Situationskomik ergibt.

Josef Kleindiensts Erzählung Freifahrt ist im Bookshop des Essl Museums sowie im Buchhandel um 16 Euro erhältlich.

Josef Kleindienst wurde 1972 in Spittal an der Drau geboren. Er lebt als freier Schriftsteller in Wien. Studium der Philosophie und Theaterwissenschaften in Wien und Amsterdam. Arbeitete als Deutschlektor im Jemen, als Chauffeur, Journalist und hin und wieder als Schauspieler. Zuletzt in Soldate Jeannette (Sundance Filmfestival 2013). 2010 wurde er zum Ingeborg Bachmann Preis eingeladen. Im selben Jahr erschien sein Roman An dem Tag, als ich meine Friseuse küsste, sind viele Vögel gestorben. 2011 erhielt er das Wiener Dramatikerstipendium, 2012 den Förderungspreis für Literatur des Landes Kärnten.

>MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR<

>MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR<, Foto: Cedrickaub

An den kommenden 3 Mittwochabenden geht die Lesereihe >MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR< weiter. Am 6.3. ist Autor und Schnur-Kenner Dieter Sperl zu Gast, am 13.03. die niederösterreichische Autorin Magda Woitzuck und am 20.03. Isabella Feimer mit ihrem neuen Roman „Der afghanische Koch“. Beginn jeweils 19 Uhr, Eintritt frei!

Alle Bilder von Lesung und Gespräch: Peter Kuffner, Essl Museum

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