Kurt Kocherscheidt – Eine notwendige Retrospektive

  Sammler Karlheinz Essl über seine erste Begegnung mit Kurt Kocherscheidt

Es war zu Beginn unserer Sammlertätigkeit, als mich der Grafiker und Aquarellist Kurt Moldovan auf einen jungen, ambitionierten Maler mit dem Namen Kurt Kocherscheidt aufmerksam machte. Moldovan, ein Doyen der österreichischen Nachkriegskunst, versammelte um sich eine Gruppe von jungen Künstlern und Künstlerinnen, die erstmals zusammen vom Kunsthistoriker und Museumsdirektor Otto Breicha in der Ausstellung „Wirklichkeiten“ präsentiert wurden. Der Name „Wirklichkeiten“ geht übrigens auf einen Bildtitel von Kocherscheidt zurück. Später sollte diese Künstlergruppe unter dieser Bezeichnung in die österreichische Kunstgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingehen. Neben Kurt Kocherscheidt waren die Künstler Franz Ringel, Peter Pongratz, Robert Zeppel-Sperl, Wolfgang Herzig sowie die Künstlerin Martha Jungwirth in dieser Gruppe vertreten.

Kurt Kocherscheidt, Russische Hütte, 1985, Öl auf Leinwand, 180 x 320 cm © Sammlung Essl Privatstiftung, Foto: Mischa Nawrata, Vienna

Kurt Kocherscheidt, Russische Hütte, 1985, Öl auf Leinwand, 180 x 320 cm © Sammlung Essl Privatstiftung, Foto: Mischa Nawrata, Vienna

Kurt Kocherscheidt, geboren 1943, war gerade einmal 32 Jahre alt, als ich ihn im Jahre 1975 in seinem Atelier im 4. Wiener Gemeindebezirk erstmals besuchte. Ich erinnere mich noch daran, wie ich die steilen Stufen zu seinem Atelier emporstieg und dort einen Künstler, in einer Hängematte liegend, antraf, der in einer veritablen Schaffenskrise zu stecken schien. An den Wänden lehnte eine Gruppe von Bildern, teils fertiggestellt, teils mitten im Schaffensprozess stecken geblieben. Es war düster in diesem Raum und der Geruch von Ölfarbe, vermischt mit Alkohol, stieg mir in die Nase. Ich entsinne mich nicht mehr, ob mein Besuch angemeldet war. Langsam entwickelte sich jedoch ein Gespräch, und je mehr ich versuchte, in die Persönlichkeit und die Kunst dieses jungen Mannes einzudringen, desto stärker wurde mir bewusst, dass es sich hier um eine ganz besondere Künstlerpersönlichkeit handelte.

Im Laufe meiner nunmehr 40-jährigen Sammlertätigkeit habe ich immer wieder Künstler kennengelernt, die oftmals, nach einer längeren sehr produktiven Phase, in ein tiefes Loch der Verunsicherung und des Selbstzweifels gestürzt sind. Arnulf Rainer spricht in diesem Zusammenhang vom Scheitern und dem Unvermögen des Künstlers, seine Vorstellungen zu realisieren. Heute weiß ich, dass diese Krisen für den Künstler zwar oft die Hölle bedeuten, nichtsdestotrotz aber als unverzichtbare Phasen in der künstlerischen Entwicklung anzusehen sind.

Kurt Kocherscheidt, Waldstudie II, 1985, Öl auf Leinwand, 180 x 120 cm © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien

Kurt Kocherscheidt, Waldstudie II, 1985, Öl auf Leinwand, 180 x 120 cm © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien

In jenem Jahr, 1975, erwarb ich eine erste Grafikmappe mit dem Titel „Tierleben“. Später, als es meine finanziellen Ressourcen zuließen, habe ich dann über die Jahre bis zu Kocherscheidts frühem Tod 1992 aus den verschiedensten Werkphasen Arbeiten erworben – der Werkblock in unserer Sammlung umfasst heute 26 Arbeiten. Unser erstes Ölgemälde ist auf das Jahr 1979 datiert. Kurt Kocherscheidt erzählte mir in unserem ersten Gespräch von einer Reise nach Südamerika, die ihn 1972/73 in die Länder Brasilien, Argentinien, Chile, Bolivien, Ecuador und Peru geführt hatte. Die Ausbeute dieser Reise war beachtlich. Tiere, Pflanzen, Bergformationen und architektonische Elemente waren Sujets, die in den Bildzyklen gestalterische Form annahmen. Kocherscheidt brauchte offenbar neue Eindrücke und Inspirationen, um sein Werk voran zu treiben. Ortsveränderungen sind oftmals unverzichtbare Voraussetzungen dafür, den Kopf freizuschaufeln und tradierte Bildvorstellungen zurück zu lassen, um sich dem Neuen, Unerwarteten zu öffnen. Es ist wohl gut verständlich, dass solche Ausbrüche mit Risiken und Gefahren verbunden sind. Kreative Köpfe berichten immer wieder, dass das Durchschreiten der „Hölle“ ein notwendiger und unverzichtbarer Prozess ist, der es erst ermöglicht, den nächsten Entwicklungsschritt zu setzen. Gerade jene Künstler und Künstlerinnen, die mit sich, ihrer Kunst und der Welt im Widerspruch leben, schaffen oft besonders starke und unter die Haut gehende Werke, die Menschen berühren und sich über Modetrends hinweg langfristig am Markt etablieren. Ein solcher Künstler ist für mich Kurt Kocherscheidt.

Kurt Kocherscheidt, Ohne Titel, 1976, Tempera auf Leinwand, 125 x 140 cm © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien

Kurt Kocherscheidt, Ohne Titel, 1976, Tempera auf Leinwand, 125 x 140 cm © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien

Kurt Kocherscheidt wurde in bedeutenden Ausstellungen im In- und Ausland präsentiert. Nach seinem frühen Tod 1992 infolge eines Herzleidens ist es jedoch still geworden um diesen großen Künstler des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ich schätze das Werk von Kurt Kocherscheidt nicht nur deshalb, weil er zu den ersten Künstlern unserer Sammlung zählt, sondern aus dem Umstand, dass sich die Qualität seiner Arbeit auch im Kontext der nachfolgenden Kunstentwicklungen behaupten konnte.

Ich trage mich daher schon seit längerem mit dem Gedanken, Kurt Kocherscheidt mit einer retrospektiven Ausstellung im Essl Museum zu ehren und freue mich sehr, dass dieses Vorhaben nun Wirklichkeit geworden ist.

Prof. Karlheinz Essl

(Auszug aus dem Vorwort zum Ausstellungskatalog >KURT KOCHERSCHEIDT< anlässlich der gleichnamigen Ausstellung vom 04.09. bis 17.11.2013 im Essl Museum, Klosterneuburg bei Wien)

WEITERFÜHREND:

Am 3.09. eröffnet das Essl Museum die Kurt Kocherscheidt-Retrospektive mit repräsentativen Arbeiten aus allen wichtigen Werkgruppen des Künstlers. Kuratiert wird die Ausstellung vom deutschen Kunstkritiker und Kurator Veit Loers. Details der Ausstellung >KURT KOCHERSCHEIDT<, zu sehen vom 04.09. bis 17.11.2013 im Essl Museum.

Biographie des Künstlers auf http://www.essl.museum

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