Elfie Semotan über Kurt Kocherscheidt: Die Transformation alltäglicher Dinge

7 Fragen an Elfie Semotan zu Kurt Kocherscheidt

Vor der Eröffnung der Ausstellung >KURT KOCHERSCHEIDT< haben wir Elfie Semotan in Grieselstein bei Jennersdorf besucht. Kocherscheidt hatte dort 1972 einen alten abgeschiedenen Bauernhof erworben und diesen mit Elfie Semotan zu einer wesentlichen Wirkungsstätte ausgebaut. Seine Arbeiten sind von der Landschaft im Südburgenland stark beeinflusst, wie auch in der Ausstellung im Essl Museum zu sehen ist. Elfie Semotan war von 1973 bis zu dessen Tod 1992 mit Kurt Kocherscheidt verheiratet, die beiden haben zwei Söhne miteinander. Auch heute verbringt Elfie Semotan noch viel Zeit in Grieselstein, wo sich auch noch immer Kocherscheidts Atelier befindet. Dort haben wir im Garten mit Blick auf Obstbäume und Wiesen mit Elfie Semotan ein Gespräch über Kurt Kocherscheidt geführt.

Essl Museum: Hat Kurt Kocherscheidt mit Ihnen viel über seine Arbeit gesprochen?

Elfie Semotan im Gespräch mit Erwin Uhrmann

Elfie Semotan im Gespräch mit Erwin Uhrmann

Elfie Semotan:

Ich war emotional sehr involviert, weil seine Arbeit mit extremen Gefühlsschwankungen verbunden war, mit Glück und Unglück, einem aus-dem-Rhythmus-kommen, wo es dann wieder ein paar Tage dauerte, um wieder hineinzufinden. Ich wurde natürlich von Kurt gefragt, ob mir dies gefällt, oder wie ich das finde. Er wollte gerne eine Meinung einholen oder auch etwas hören, woran er nicht gedacht hatte. Manches Mal ist er stundenlang im Atelier gesessen oder halb gelegen, bis er irgendwann einmal aufgestanden ist und einen winzigen Strich gemalt oder eine kleine Veränderung vorgenommen hat. Da kam ich dann nicht mehr mit, weil ich solche Nuancen nur bei meiner eigenen Arbeit nachvollziehen kann, außer ich vertiefe mich stundenlang.

Wie ist Kurt Kocherscheidt zu den Formen und Objekten in seinen Bildern gekommen?

Die Gegenstände und die Formen waren sehr oft Dinge, die er gefunden hat, die einfach herumgelegen sind – er hat die Dinge genommen und sie in seinen Bildern in etwas anderes transformiert. Mein Sohn Ivo hat zum Beispiel seine Zinnsoldaten wiedererkannt, die in den Bildern natürlich eine vollkommen andere Funktion haben.

Hat er auch gesammelt und dann Dinge und ins Atelier gebracht?

Atelier Kurt Kocherscheidt, Foto: Andreas Hoffer

Atelier Kurt Kocherscheidt, Foto: Andreas Hoffer

Er hat alles gesammelt, aber Gegenstände nicht unbedingt ins Atelier gebracht. Er ist mit Helmut Lang oft „herumstirdeln“ gegangen, zum Beispiel an dem Tag, an dem die Leute alles rausgestellt haben, was sie nicht mehr brauchen. Die zwei sind losgezogen und haben Blechschüsseln oder andere wunderbare Sachen gefunden. Dieser Drang Dinge zu suchen, das hat sich nicht nur auf seine Malerei beschränkt, sondern war bei ihm generell vorhanden.

Wie ist Ihr persönlicher Zugang zur Arbeit von Kurt Kocherscheidt?

Meinen Zugang, den kann ich überhaupt nicht erklären, weil er so selbstverständlich ist, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, dass jemand keinen Zugang hat. Die Raumaufteilung, diese fliegenden Brocken, die Farbigkeit – ich habe überhaupt kein Problem damit; im Gegenteil, ich hab ein Problem damit zu verstehen, wenn mir jemand sagt, „das deprimiert mich so“. Es gibt ja auch Leute die Kurts Bilder sehr schwer finden und auch Veit Loers (Anmerkung: Kurator der Ausstellung >Kurt Kocherscheidt<) hat mir bestätigt, dass die Bilder nicht immer einfach zu verstehen sind, aber das ist für mich kein Problem.

Erwin Uhrmann

Erwin Uhrmann

Und hat sich über die Jahre ihr Blick auf die Arbeit von Kurt Kocherscheidt verändert? 

Ja, mein Blick hat sich verfeinert. Zuerst war seine Arbeit für mich sehr mit seiner Person verbunden, ja, das war so ein emotioneller und auch vitaler Zugang, der natürlich auch sehr von Kurt selbst besetzt war. Ich habe schon gewusst, dass mir das wirklich gefällt und jetzt, wo ich seine Arbeit so intensiv noch einmal sehe und auch schon gesehen habe bei einer vorangegangenen Ausstellung, dann sehe ich jetzt zum Beispiel auf diesen großen Bildern, wie wahnsinnig subtil das ist im Strich und in der Farbgebung. Ich kann seine Arbeit ein bisschen distanzierter sehen und ich schätze es eigentlich noch mehr; nein das kann ich gar nicht sagen, denn ich habe es immer sehr geschätzt.

Gab es irgendeine Form des Einflusses auch für Sie, also in der eigenen Arbeit?

Ja, es gab eine Form des Einflusses; es gab viele Dinge, die mir sehr gut gefallen haben an seiner Malerei, die aber in der Fotografie schwierig umzusetzen sind. Der Einfluss, den der Kurt oder die Kunst oder die Kunstwelt auf mich hatten, ist immer eher eine Haltung gewesen, als ein wirklich spezieller Einfluss auf meine Arbeit.

Und haben Sie bemerkt, was Kurt Kocherscheit beeinflusst hat?

Ja, ganz, ganz viel natürlich. Er hat sehr viel gelesen; Haltung war natürlich immer eine Frage, die sehr wichtig ist, einerseits – andererseits auch überbewertet wurde von einer gewissen Gruppe. Wenn die Haltung sozusagen ein Ding für sich selbst ist, fand ich das immer eher ärgerlich, aber das gab es. Ich glaube jeder Künstler ist unglaublich vielen Einflüssen ausgesetzt, natürlich von Arbeiten, die er nicht mag, aber noch viel mehr von Arbeiten von Künstlern, die er mag.

Das Interview führte Erwin Uhrmann (Essl Museum).  Redaktion: Raffaela Bielesch

Ausstellungstipps:

KURT KOCHERSCHEIDT. Essl Museum, Klosterneuburg/Wien, vom 04.09. bis 17.11.2013

ELFIE SEMOTAN, Kunsthalle Krems, noch zu sehen bis 06.10.2013

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