LIKE IT! – oder: Ich like, also bin ich!

Gastkurator Andreas Maurer, der im Oktober mit 5 Kollegen und Kolleginnen die Ausstellung LIKE IT! kuratiert hat, zur Ausstellung LIKE IT! und über das reale Ich in sozialen Netzwerken

PATRÍCIA JAGICZA Estrella, 2010,  © Sammlung Essl Privatstiftung, Foto: Archiv der Künstlerin

PATRÍCIA JAGICZA
Estrella, 2010,
© Sammlung Essl Privatstiftung, Foto: Archiv der Künstlerin

Eine Frau setzt eine Maske auf, betrachtet dabei ihr eigenes Spiegelbild, und das am denkbar unmöglichsten Ort – einer Männertoilette.

Über 200 Likes bekam dieses Gemälde der ungarischen Malerin Patricia Jagicza von der Facebook Community und wurde damit auf Platz 1 katapultiert– ungewöhnlich, oder doch nur die logischste Konsequenz einer virtuellen Realität?

PATRÍCIA JAGICZA

Forscher der Universität Cambridge haben schon vor einigen Jahren ein Programm entwickelt welches Facebook -Likes auswertet und damit eine 95%ige Trefferquote bei Rückschlüssen etwa auf sexuelle Orientierung, Hautfarbe und Drogenkonsum der User erreicht. Der harmlose Mausklick wird also zum Spiegel unseres Psychogramms, wir selbst zum gläsernen Menschen.

Man sollte meinen, dass der/die User/in sich bei diesen Erkenntnissen scheut seine/ihre Vorlieben preiszugeben, und doch hat der LikeButton in seiner Einfachheit geradezu etwas diabolisch Verführerisches an sich.

Denn: Der nach oben gerichtete Daumen erinnert wahrscheinlich nicht von ungefähr an das berühmte Zeichen der Ceasaren im antiken Rom welche mit dieser simplen Geste über Leben und Tod der  Gladiatoren in der Arena entschieden.

Gastkuratoren bei der Arbeit, Foto: Susanne Hintringer

Gastkuratoren bei der Arbeit, Foto: Susanne Hintringer

Heute sind wir die Ceasaren wie auch die Gladiatoren, jedenfalls in unserem selbst geschaffenen Online-Kolosseum. Die Regeln der virtuellen Facebook-Welt  folgen dabei ihren antiken Ahnen,  es gibt keine Zwischenzone – Like oder nicht, Freund oder nicht – Entweder: Oder.  (Immerhin wurde der Dislike Button bis dato vermieden – aus Angst das Gute- Laune- Feeling der Plattform zu gefährden.)

 

Gemütlich sitzend, etwa von der  behaglichen Wohnzimmercouch aus, kann man seine Likes (inklusive seiner Weisheiten) allmächtig in die Welt hinausposaunen, ohne Angst vor einem Gegenüber– und wenn doch, kann dieses mit einem Klick aus der Liste entfernt und zum ewigen Schweigen degradiert werden.

 

In unserer selbst geschaffenen Welt sind wir die Könige, Helden und/oder Krieger, und wie Jagiczas Kämpferin ist es uns erlaubt in dieser privaten Online-Arena eine Maske aufzusetzen:

Andreas Maurer im Gespräch mit  Daniela Chana und Tobias Sckaer aus dem Gastkuratoren-Team, Foto: Peter Kuffner

Andreas Maurer im Gespräch mit Daniela Chana und Tobias Sckaer aus dem Gastkuratoren-Team, Foto: Peter Kuffner

Schnell den Namen geändert, das Erscheinungsbild/Profilbild bearbeitet und ein paar Highlights gepostet  und schon bin ich online jener Mensch, der ich im wirklichen Leben vielleicht gerne sein möchte. Und noch besser: als Schöpfer einer eigenen Welt, kann ich dort sogar ein wenig Herrscher, Gott spielen.

 

Im Fall der LIKE IT! Ausstellung griff der LikeButton  ebenso als verlängerter Arm von der Wirklichkeit in die Netzwelt und transformierte dort zum Machtinstrument:

 

Von zu Hause aus konnte über den Lebensweg einer Künstlerin/eines Künstlers direkt oder indirekt mitentschieden werden – like ich, hat sie/er die Möglichkeit ausgestellt zu werden – vielleicht berühmt, reich zu werden. Ohne direkte Beziehung zu KünstlerIn oder Kunstwerk konnte man hier selbst einmal Sonnenkönig sein, endlich sass man selbst einmal am Drücker bzw. am Button.

 

Als Gladiatoren traten bei diesem Spiel die KünstlerInnen vor die Gunst des Mächtigen, der in besagtem Falle jeder von uns sein konnte – einmal mehr wurde die virtuelle Spielfläche zum Schauplatz des realen Lebens.

 

Kann es ein stummer Aufschrei sein, dass jenes Bild mit den meisten Likes eine Art Gladiatorin zeigt, die sich anscheinend auf den Kampf in der/einer Arena vorbereitet?

 

Die blaue Maske von Facebook macht uns alle gleich und auch jeden im selben Masse extrem angreifbar und abhängig– like und du wirst geliked….umso mehr ich like umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass meine Postings zurückgeliked werden. (Wie beflügelnd wenn man auf sein Geburtstagsposting  300 Likes erhält – wie niederschmetternd, wenn es nur 3 sind..) Der Kreislauf der Likes scheint endlos.

 

Ziel der LIKE IT! Ausstellung soll aber nicht sein Facebook an den Pranger zu stellen, vielmehr wird die aktuelle Frage aufgeworfen wie viel virtuelle Realität und Durchleuchtung unser eigenes Leben verträgt um noch als ein solches gelten zu können. Gibt es Privatsphäre überhaupt noch, oder sind wir alle schon freiwillig zu unfreiwillige Exhibitionisten geworden?

 

Die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zerrinnt immer mehr und in diesem Kontext  kann das ambivalente Gemälde Jagiczas als Denkanstoss wie auch als Warnung gesehen werden.

 

Vielleicht sind wir schon längst in einer futuristischen Welt gelandet in welcher wir einerseits in dem von uns geschaffenen Nicht-Ich existieren und von jedem beobachtet werden und gleichzeitig ausserhalb als Beobachter und Akteur der realen Bühne fungieren.  Unsere anfangs befreiende Maske wird so mehr und mehr zum schützenden Überlebenswerkzeug. Der Strudel des Fortschritts zieht uns immer mehr in den Bildschirm hinein, sozusagen in eine Platon`sche Höhle in der Höhle.

 

Die Ausstellung stellt dem Besucher viele Fragen, doch die vielleicht bedeutendste ist, wie weit die Nicht-Reale Welt schon in unsere Reale hineingewachsen ist, oder diese partiell sogar verdrängt hat – ist Facebook bereits realer als die Wirklichkeit?!

 

Vielleicht müssen wir wirklich eines Tages für uns selbst die fundamentale Entscheidung eines Entweder: Oder treffen, nämlich ob wir unser virtuelles Nicht-Ich mehr liken als uns selbst…

 

Andreas Maurer

2 Antworten zu “LIKE IT! – oder: Ich like, also bin ich!

  1. Diesen interessanten Artikel möchte ich zum Anlass nehmen, den „Gefällt mir“-Knopf von WordPress zu drücken. Interessant wäre es ja auch, in realen Ausstellung unter jedem Bild einen Like-Knopf anzubringen. Dann erhält man ein direktes Feedback des Publikums – allerdings anonym.

    • Liebe Marlene Hofmann, das Gastkuratoren-Team hat für die Ausstellung ein Konzept entwickelt, dass sich LIKE IT LIVE! nennt: In der Ausstellung können Besucher anonym für Ihre drei Lieblingswerke aus der Ausstellung abstimmen – und zwar mit einem einfachen Zettelprinzip: Alle Zettel werden in der Ausstellung auf einer großen Pinwand angebracht – so hier also ein direktes Feedback des Publikums möglich.

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