Wal auf Reisen – Gabriel Orozco’s Dark Wave in Stockholm

Von den 7.000 Kunstwerken der Sammlung Essl sind zahlreiche Werke immer wieder auf Reisen und werden an Museen und Galerien im In- und Ausland verliehen, um dort in wichtigen Ausstellungen gezeigt zu werden. Wir freuen uns, dass derzeit der „Dark Wave“ (2006), ein beeindruckendes Kunstwerk von Gabriele Orozco aus der Sammlung Essl, in der Personale „Gabriel  Orozco: Natural Motion“ (14. Februar 2014 bis 4. Mai 2014) im Moderne Museet, Stockholm zu sehen ist. Ein Blauwal, gefunden an der Südwestküste von Spanien, inspirierte Gabriele Orozco zu seiner imposanten, fast fünfzehn Meter langen Arbeit. Das aus Kunstharz wirklichkeitsgetreu nachgebildete Walskelett ist mit einem kunstvollen Graphitmuster aus sich überschneidenden Ringen und Kreisen überzogen und lässt zahlreiche Assoziationen an biblische Geschichten und mythologische Stoffe entstehen.

„Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden. Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.“ 1. Moses 1,21-23

Gabriel Orozco Dark Wave, 2006 © Gabriel Orozco, courtesy Essl Museum Fotonachweis: Elisabeth Hartmann, Archiv Sammlung Essl

Gabriel Orozco
Dark Wave, 2006
© Gabriel Orozco, courtesy Essl Museum
Fotonachweis: Elisabeth Hartmann, Archiv Sammlung Essl

Ein Blauwal, gefunden an der Südwestküste von Spanien, inspirierte Gabriele Orozco zu seiner imposanten, fast fünfzehn Meter lange Arbeit „Dark Wave“. Orozco arbeitet häufig mit gefundenen (Alltags-)Gegenständen und Situationen. Durch Modifizierung oder Veränderung des Kontextes schafft er neue, teils wunderbare, teils verstörende Arbeiten. Die Faszination des „Dark Wave“ liegt in der Transformation eines gefundenen Naturkunstwerkes in ein von Menschenhand gestaltetes Artefakt, das zahlreiche Assoziationen an biblische Geschichten und mythologische Stoffe lebendig werden lässt.

Das aus Kunstharz wirklichkeitsgetreu nachgebildete Walskelett ist mit einem kunstvollen Graphitmuster aus sich überschneidenden Ringen und Kreisen überzogen. Diese sind nicht zufällig, oberflächlich aufgetragene Dekorationen oder Tätowierungen sondern, so Orozco, als Reaktion auf die Topografie des Objektes entstanden und in Einklang mit dessen Struktur aufgetragen.

Beim Betrachten des Walskeletts ortete Orozco bestimmte „Energiepunkte“. Einige sind lebensentscheidende Punkte für die Bewegung und das Verhalten des lebenden Wals, wie zum Beispiel das Spritzloch auf der Schädeloberfläche, andere sind wichtige Felder für die Struktur und Dynamik des Walskeletts an sich, wie etwa der untere Rand des Schulterblattes. Orozco entschied, den Ort jeder dieser Punkte mit einem kleinen Kreis zu kennzeichnen. Konzentrische Kreise erweitern in der Folge den Ausgangskreis und betonen dessen Bedeutung.

Bei der Bemalung wurde jeder Energiepunkt mit einem schwarzen Graphitkreis markiert. Davon ausgehend wurden dünne weiße Ringe eingezeichnet, die den Blick direkt auf das Skelett frei lassen. Die großen Flächen zwischen den Ringen wurden mit Graphit ausgemalt.

Die Übertragung dieses Musters auf die gesamte Oberfläche des Wahlskelettes hat zur Folge, dass sich jede vom Zentrum entfernende Ringwelle mit zahlreichen Kreisen überschneidet, die von anderen Energiepunkten ausstrahlen. Nicht eine Gruppe von klar ausgeprägten Ringen ist erkennbar, sondern vielmehr eine Serie von unterbrochenen und sich unterbrechenden Bändern. Jeweils von Standort des Betrachters abhängig ist das System von Orozcos Bemalung der Energiepunkte einmal einleuchtend, im nächsten Moment aber wieder schwer lesbar, einmal klar, dann aber auch wieder verwirrend. So werden Strukturen und Energiefelder des Walskeletts einerseits verstärkt andererseits aber auch verschleiert. Die Anziehungskraft des Kunstwerkes auf den Betrachter wird dadurch aber nur noch intensiviert.

Den Namen „Dark Wave“ entlehnt Orozco dabei aus der Musikwelt. Als „Dark Wave“ (engl. dark = „dunkel, trüb“, wave = „Welle“) wird eine Epoche der Musik und zugleich ein Oberbegriff für eine Reihe von Musikstilen bezeichnet, die sich in den 1980er Jahren zur Zeit der New-Wave-Bewegung entwickelt haben. Hinsichtlich ihrer klanglichen Umsetzung wird die „Dark Wave“-Musik als dunkel, und melancholisch, elegisch oder sehnsuchtsvoll wahrgenommen.

Ob Jonas und der Wal, das Meerungeheuer Leviathan oder natürlich Moby Dick – der wie ein Vogel in der Luft schwebende Wal lässt zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten zu.

(Text erstmals erschienen im Ausstellungskatalog „Passion for Art“, 2007).

Günther Oberhollenzer

Weiterführend: Biographie des Künstlers Gabriel Orozco auf der Website des Essl Museums

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