Karlheinz Essl über seine Ausstellung >made in austria< – 3. Teil: Wurm und West, Ringel, Jungwirth und Kocherscheidt

In einer Blog-Serie stellt Sammler und Kurator Karlheinz Essl seine Ausstellung >made in austria< vor. Diesmal: Erwin Wurm und Franz West sowie Die Wirklichkeiten: Ringel, Jungwirth und Kocherscheidt

Die zentralen Schwerpunkte unserer Sammlungstätigkeit sind Malerei und Skulptur (wobei im Laufe der Jahre natürlich auch zahlreiche Fotografien, Videos und installative Arbeiten angekauft wurden). Ich habe mich deshalb entschieden, den Fokus auf die Skulptur beispielhaft mit den beiden Künstlern Franz West und Erwin Wurm zu richten. Beide Künstler sind in diesem Medium äußerst innovative Wege gegangen. Begleitend zu den skulpturalen Arbeiten habe ich bei Wurm die Videostillserie „One Minute Sculptures“, bei Franz West die Collagen und Schriftbilder der „Eisenbahner Serie“ ausgewählt.

Franz West hat mit viel Witz und einer künstlerischen Gleichstellung von Alltagsthemen und Materialien auch jungen Künstlern Anregungen für einen erweiterten Kunst- und besonders auch Skulpturbegriff gegeben. Wests skulpturales Schaffen begann mit den „Paßstücken“. Diese zunächst aus Papiermaché, dann aus Polyester und schließlich aus Aluminium hergestellten Objekte sind nicht als Skulpturen per se gedacht, sondern als „körpererweiternde Prothesen“. Sie sollen vom Besucher berührt und an seinen Körper angepasst werden und sind somit zugleich Gebrauchsgegenstand und Skulptur.

„Vielleicht besteht ein Unterschied oder gar ein Widerspruch zwischen der Rezeption eines Kunstwerkes im Sitzen und dem Missverständnis meiner Kunststühle, das ich ausgebeutet habe.“ Franz West

West arbeitet auch mit der Technik der Collage, indem er Bild- und Textmaterial (aus Illustrierten und Tageszeitungen) mit Malerei kombiniert und den Gehalt durch eigene Bildtitel komplettiert. Dabei verwendet West „arme“, kunstferne Materialien. Ob bei den Collagen und Plakaten, die immer deutliche Arbeitsspuren zeigen, oder bei Skulpturen und Objekten aus Pappmaché oder Metall, die Bearbeitung ist immer sichtbar, nichts ist glatt und perfekt und die Werke bekommen so einen beiläufigen, oft auch experimentellen Charakter. Abfall und Gefundenes, wie z.B. Zeitungen oder Illustrierte, dienen ihm als Rohstoff für seine Objekte. West schwimmt gegen den Strom, er zeigt nicht das Schöne und lässt gerade auch durch das Vergängliche, Skurrile und vordergründig Hässliche in seinen Arbeiten eine besondere Schönheit hervor leuchten. Es ist eine Schönheit oder, treffender formuliert, eine Ästhetik von ganz besonderer Qualität.

„Bildhauerei ist Arbeit am Volumen… Zu- und Abnehmen ist Bildhauerei.“ Erwin Wurm

Erwin Wurms Arbeit ist von einem distanzierten und ironischen Blick auf die Skulptur gekennzeichnet. Durch die Dekonstruktion traditioneller Elemente der Bildhauerei erweitert er den Skulpturenbegriff: Autos werden fett, Häuser schmelzen, Körper werden durch ihre Kleidung hilflos und unbeweglich. Neben Objekten, Installationen, Zeichnungen, Videos und Fotografien gehören die „One-Minute-Sculptures“ zum unvergleichlichen Repertoire des Künstlers. Mit ihnen wurde er in den 1990er-Jahren international bekannt. Aus einer Idee entstehen gezeichnete Gebrauchsanweisungen, die dann in aktionistischen Performances zu menschlichen Skulpturen werden. Durch Videoaufnahmen oder Fotografien festgehalten dienen diese dann wieder als Grundlage für reale Skulpturen.

 

Franz Ringel, Martha Jungwirth und Kurt Kocherscheidt

Es war zu Beginn unserer Sammlertätigkeit, als mich der Grafiker und Aquarellist Kurt Moldovan auf eine Reihe von jungen, ambitionierten Malern aufmerksam machte. Moldovan, ein Doyen der österreichischen Nachkriegskunst, versammelte um sich eine Gruppe von jungen Künstlern und Künstlerinnen, die erstmals zusammen vom Kunsthistoriker und Museumsdirektor Otto Breicha 1968 in der Ausstellung „Wirklichkeiten“ präsentiert wurden. Diese Ausstellung in der Secession zeigte Werke von Franz Ringel, Martha Jungwirth, Kurt Kocherscheidt, Wolfgang Herzig, Peter Pongratz und Robert Zeppel-Sperl. Sie war sehr einprägsam für mich, stellte sie doch in ihrem teils sozialkritischen Realismus eine Gegenposition zum international dominierenden Informel und so auch zu den Künstlern der Gruppe „St. Stephan“ dar. Gleichzeitig war sie auch ein Protest gegen die Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Für „made in austria“ habe ich Werke von Franz Ringel, Martha Jungwirth und Kurt Kocherscheidt ausgewählt. Die Künstler sind in ihrer malerischen Ausdrucksweise sehr unterschiedliche Wege gegangen.

Franz Ringel schockiert mit seinen stark überzeichneten, sexuell konnotierten Menschenbildern. Körper und Gedärme, aber auch das psychische Innenleben seiner Figuren liegen offen vor dem Betrachter. Seine Arbeiten müssen auch im zeitgeschichtlichen Kontext der 1968er-Jahre, etwa der Studentenproteste gegen das Establishment, gesehen werden.

„Ich bin eigentlich in meiner eigenen Person unheimlich eingesperrt, gefangen, gefesselt. Ich habe mich versucht zu befreien, mir gelingt es nicht, soviel ich male, je mehr ich male, je mehr male ich mich selber und immer dasselbe.“ Franz Ringel

Ich habe exemplarisch eine Arbeit aus dem so wichtigen Frühwerk ausgewählt und diese dann einem Werkblock aus den 1990er-Jahren gegenübergestellt – einer Zeit, in der Ringel sich verstärkt mit Musik und Literatur in seiner Arbeit auseinandersetzte –, um die radikale Entwicklung und Veränderung des Künstlers aufzuzeigen.

„Wenn die äußere Bewegung, die Körberbewegung und die innere Bewegung zusammentreffen, und wenn dieses Zusammentreffen glückt, dann geht die Malerei los.“ Martha Jungwirth

Martha Jungwirth malt abstrakt, aber immer wieder sind Anklänge auch an Figuren und Landschaft, versteckt im Hintergrund, erkennbar. Bei ihr konzentriere ich mich insbesondere auf Bilder aus der Serie „Spittelauer Lände“. Am Entstehungsprozess dieser wichtigen Werkphase durften meine Frau und ich unmittelbar teilnehmen. Jungwirth hatte uns eingeladen, sie in ihrem damals neu bezogenen Atelier an der Spittelauer Lände am Wiener Donaukanal zu besuchen. Vom Atelier aus hatte man freien Blick auf die Lände, eine stark befahrene Verkehrsstraße. Der Lärm und das hektische Treiben draußen auf der Straße fand eine unmittelbare Entsprechung in Jungwirths gestisch-spontanen Malereien. Dem gegenüber stelle icheinen Werkblock von kleinen Arbeiten aus der selben Periode, aber in einer anderen ästhetischen Umsetzung. Während der Pinselstrich in den Werken der „Spittelauer Lände“ eher frei, locker und offen ist, handelt es sich hier um konzentrierte, dicht gemalte Bilder. Jungwirths Werk hat in den letzten Jahren wieder verstärkt international Aufmerksamkeit erfahren, insbesondere auch deshalb, da ihr Künstlerkollege Albert Oehlen sie in der von ihm für das Essl Museum kuratierten Ausstellung „Schönes Klosterneuburg“ (2010) für sich neu entdeckt hat. Wir sind froh, dass wir ein bisschen dazu beitragen konnten, diese wichtige Künstlerin wieder sichtbarer zu machen.

Ähnliches gilt auch für Kurt Kocherscheidt, für den wir 2013 eine große Einzelausstellung eingerichtet haben. Es ist uns dabei gelungen, eine Neubewertung dieses so bedeutenden, aber in letzter Zeit leider nur selten gezeigten Malers einzuläuten. Kocherscheidt ist ein surrealer, visionärer Künstler, der Natur- und Landschaftsformen in einer bewusst asketischen Malerei abstrahiert, auf der ständigen Suche nach neuen malerischen Antworten. Die hier getroffene Auswahl zeigt das sehr gut: eingebettet in karge Landschaften erheben sich organisch objektartige Stillleben in braun-grauen Farbtönen, dem gegenüber stehen flächig abstrakte Rechteck- und Kugelformen vor dichtem schwarzem Grund.

Führungen jeden Sonntag um 15.00 Uhr.

Kuratorenführung: Am Mi, den 11.06. führt Karlheinz Essl durch seine Ausstellung.

Die Ausstellung >made in austria< ist noch bis 24.08. im Essl Museum zu sehen.

 

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