Karlheinz Essl über seine Ausstellung >made in austria< – 4. Teil: Günter Brus, VALIE EXPORT und Hermann Nitsch

In einer Blog-Serie stellt Sammler und Kurator Karlheinz Essl seine Ausstellung >made in austria< vor. Diesmal:Günter Brus, VALIE EXPORT und Hermann Nitsch

 

Die Aktionisten Günter Brus und VALIE EXPORT stelle ich gegenüber, wobei EXPORT nicht zum engeren Kreis der Aktionisten gehört, in ihren Performances aber sehr aktionistisch gearbeitet hat. Gerade deshalb ist diese Gegenüberstellung für mich so spannend.
Günter Brus habe ich, ähnlich wie Lassnig, erst wahrgenommen, als er Ende der 1970er-Jahre aus seinem Berliner Exil nach Österreich zurückgekommen ist. Ich erinnere mich, als ich seine Arbeiten in einer Ausstellung in Salzburg das erste Mal gesehen habe. Ich war begeistert und habe mich in der Folge intensiv mit seinem Werk auseinandergesetzt. In der Ausstellung zeige ich aber nicht Video- und Fotoarbeiten aus der Hochzeit des Aktionismus, sondern Brus’ „nachaktionistische“ Schaffensphase, als er mit den Aufsehen erregenden Körperaktionen aufgehört hatte und sich nun malerisch und grafisch ausdrückte.

„Mein Körper ist die Absicht, mein Körper ist das Ereignis, mein Körper ist das Ergebnis.“ Günter Brus

Kraft und Ausdrucksstärke dieser Bilder machen deutlich, dass der körperliche Einsatz nicht auf Brus’ Aktionskunst beschränkt geblieben ist, gleichzeitig bestechen sie aufgrund ihrer farblich-malerischen, besonders auch sprachlichen Qualitäten. Die sogenannten „Bild-Dichtungen“ seien, so Brus, nur eine Verschiebung des aktionistischen Inhalts von der körperlichen Performance hin zur Malerei, zur Zeichnung und zur Schrift.Sie haben mich von Anfang an besonders fasziniert. Ich habe mich in der Auswahl auf diese bedeutende Phase seines Schaffens konzentriert.

Eine konzentrierte Auswahl der Bild-Text-Arbeiten von Günter Brus stelle ich Videos und fotografische Arbeiten von VALIE EXPORT gegenüber. Ihre Arbeiten sind erschütternd, berührend und existenziell. Mit ihrer körperbetonten, feministischen Medien-Kunst hat EXPORT einen wesentlichen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst geliefert, viele nachfolgende Künstlergenerationen berufen sich auf sie. Performances, Fotografie, Installationen, Video und Film sowie akustische und sprachliche Medien sind die technischen Mittel, die von der Künstlerin exzessiv genutzt werden und zugleich Gegenstand ihres konzeptuellen Ansatzes darstellen. Dabei verbindet EXPORT ihre medialen Analysen mit gesellschaftlichen Themen, mit Fragen nach sozialen und kulturellen Kodierungen und nach den Auswirkungen von strukturellen Macht- und Gewaltsystemen. Selbstporträts und ihre Rolle als Künstlerin, aber auch Identitätswechsel und Rollentausch bilden dabei wichtige Bezugspunkte.

„Die Kunst kann ein Medium unserer Selbstbestimmung sein, und diese bringt der Kunst neue Werte. Diese Werte werden über den kulturellen Zeichenprozess die Wirklichkeit verändern, einer Anpassung an die weiblichen Bedürfnisse entgegen. Die Zukunft der Frau wird die Geschichte der Frau sein.“ VALIE EXPORT

In Anlehnung an eine österreichische Zigarettenmarke erfindet die Künstlerin 1967 den Namen VALIE EXPORT als künstlerisches Konzept und Logo. Aufsehen erregte EXPORT erstmals durch ihre spektakulären Performances der späten1960er- und 70er-Jahre, die im Umfeld der „zweiten Generation“ des Wiener Aktionismus entstanden sind, man denke etwa an die legendäre Aktion, bei der sie einen demütig auf allen Vieren kriechenden Peter Weibel an der Leine spazieren führte („Aus der Mappe der Hundigkeit“, 1968). In der Ausstellung zeige ich ausgewählte Videoarbeiten sowie eine Reihe ihrer fotografischen Körperkonfigurationen aus den 1970er-Jahren. In diesen untersucht die Künstlerin die Grenzen zwischen dem menschlichen Körper und seinem Umfeld. Die innere Befindlichkeit ausdrückend schmiegt EXPORT ihren Körper an Hausecken, Stufen, Pfeiler und Landschaften.

 

 

„Ich möchte eine sehr expressive Kunst machen – eine Kunst, die wachrüttelt, die bewirkt, dass Menschen merken, dass sie existieren.“ Hermann Nitsch

Den letzten Raum widme ich dem großen Aktionismuskünstler Hermann Nitsch. Mit Nitsch verbindet meine Frau und mich eine langjährige Freundschaft. Durch die intensive Beschäftigung mit seiner Kunst, vor allem aber durch viele Begegnungen und Gespräche haben wir anfängliche Vorbehalte abgebaut und sein Werk schätzen und lieben gelernt.

Nitsch ist in der Sammlung retrospektiv von früheren bis späteren Arbeiten facettenreich vertreten, er hat im Schömer-Haus und im Essl Museum jeweils eine große Aktion inszeniert (1996 / 2004) und ihm zu Ehren wurde auch schon eine große Einzelausstellung (2004) eingerichtet. Meine Frau und ich haben ihn immer wieder in Prinzendorf besucht, wir waren auch beim Sechs-Tage-Spiel dabei und haben einen großen Werkblock aus dieser Aktion angekauft. Ich schätze an Nitsch seinen umfassenden Kunstbegriff. Er geht vom Theater und der Performance aus und greift in alle Lebensbereiche des Menschen hinein; in seinen Aktionen geht es um die existenziellen Themen, um Leben und Tod, Blut und Opfer – Themen, in die natürlich auch immer das Religiöse mit hinein spielt. Er hat sich aber nicht von den Religionen, etwa dem Katholizismus, vereinnahmen lassen, sein religiöses Bild ist ein sehr umfassendes, eines, das auch stark von den Naturreligionen und dem Zen-Buddhismus beeinflusst ist. Gleichzeitig ist Nitsch ein sehr barocker Mensch. Ich habe viele philosophische Gespräche mit ihm geführt, und wir sind nie in einen Konflikt geraten, im Gegenteil, immer wieder sind wir an einen Punkt gekommen, an dem wir uns wunderbar verstanden haben.

Nitsch hat einen großen Einfluss auf die österreichische und internationale Nachkriegskunst ausgeübt. Auch ausländische Künstler haben häufig in ihren Arbeiten auf ihn Bezug genommen. Deshalb ist es nur gerechtfertigt, ihm in dieser Ausstellung einen gebührenden Rahmen zuzuweisen. Die Architektur des letzten Galerieraumes hat etwas Kapellenartiges an sich. Ich stelle Nitsch diesen Ort zur Verfügung, um einen sakralen Raum mit Arbeiten aus unserer Sammlung einzurichten.  Die Kapelle von Hermann Nitsch ist das fulminante Finale, der Abschluss unserer sinfonisch-dramaturgischen Werkabfolge.

Wir sind verschiedene Perioden der Kunstgeschichte durchwandert, uns sind die wichtigen Künstler begegnet, die die österreichische Kunst beeinflusst und ihre Spuren in der internationalen Kunstszene hinterlassen haben. Natürlich ist die hier gezeigte Künstler- und Werkauswahl nur ein Teil der österreichischen Kunstgeschichte nach 1945.

Aber ein sehr wichtiger.

 

Führungen jeden Sonntag um 15.00 Uhr.

Kuratorenführung: Am Mi, den 11.06. führt Karlheinz Essl durch seine Ausstellung.

Die Ausstellung >made in austria< ist noch bis 24.08. im Essl Museum zu sehen.

 

 

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