Im Gespräch mit Autor Jürgen Bauer

Den Auftakt für das Literaturprogramm des Essl Museums im Herbst 2014 macht am 3. September um 19 Uhr der in Wien lebende Schriftsteller Jürgen Bauer, derzeit eine der interessantesten Stimmen der jungen österreichischen Gegenwartsliteratur. Sein Roman „Das Fenster zur Welt“ erschien im Jahr 2013 und wurde von Kritik und Publikum enorm positiv aufgenommen. Das Buch erzählt von einer ungewöhnlichen Freundschaft und von den Entscheidungen, die das Leben prägen: Einem jungen Mann wird durch die Trennung von seinem langjährigen Partner plötzlich die Sicherheit genommen. Beim Speed Dating lernt er die 80-jährige Hanna kennen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Freundschaft, die sie beide auf einen gemeinsamen Road Trip in die Vergangenheit führt. Rechtzeitig vor seiner Lesung habe ich ein Interview mit ihm gemacht.

Jürgen Bauer. Foto: Barbara Pálffy

Jürgen Bauer. Foto: Barbara Pálffy

Erwin Uhrmann: In Deinem Buch geht es um Aufbruch. Einerseits um den Aufbruch eines jungen, aber nicht mehr ganz jungen Mannes. Andererseits um den Aufbruch einer wirklich alten Dame. Ein Gespann, das ich so noch nicht in der Literatur vorgefunden habe. Wie bist Du auf diese Kombination gekommen?

Jürgen Bauer: Im Zentrum meines Buches steht die Frage nach den Entscheidungen, die ein Leben prägen. Welche Entscheidungen haben einen Menschen zu dem gemacht, der er ist? Wie zufällig waren sie, wie bewusst getroffen? Und daran anschließend die Frage: Kann man manche dieser Entscheidungen rückgängig machen, kann man ein Leben nochmal neu beginnen, ihm einen neuen Weg geben? Ich wollte diese Frage nicht anhand einer Figur in der Midlife-Crisis behandeln, sondern zeigen, dass sie alle Altersschichten betrifft. So habe ich einen jungen Mann und eine sehr alte Frau auf eine Reise geschickt, auf der sie ihre Lebensentscheidungen hinterfragen müssen.

Erwin Uhrmann: Hast Du selbst viel mit älteren Menschen zu tun? Pflegst Du Freundschaften zu älteren Menschen?

Jürgen Bauer: In meinem Freundeskreis finden sich Menschen aller Altersschichten, aber auch während meines Zivildienstes beim Roten Kreuz bin ich viel mit älteren Personen in Kontakt gekommen. Außerdem hatte ich das Glück, meine Urgroßmutter noch gekannt zu haben, da gab es also viele Einflüsse, Bekanntschaften und Eindrücke.

Erwin Uhrmann: Deine Protagonistin ist enorm cool, eigentlich die coolste Figur in Deinem Buch. Außerdem noch dazu sehr authentisch. Du hast Dich enorm gut in das Innenleben einer betagten Dame hineinversetzt. Wie hast Du das bewerkstelligt?

Jürgen Bauer: Beobachten, beobachten und wieder beobachten. Ich habe versucht, beim Schreiben alle Erinnerungen wieder wachzurufen und daraus eine Person zu formen. Ich wollte bewusst keine Klischee-Figur, eine gebrechliche alte Frau etwa, sondern einen Menschen, der am Ende seines Lebens nochmal einen Aufbruch wagt. Also habe ich nach Szenen gesucht, die diesen Entdeckergeist, diese Neugierde zeigen.

Erwin Uhrmann: „Das Fenster zur Welt“ ist ein wunderschöner und auch sehr passender Titel für Dein Buch. Hattest Du den Titel von Anfang an? Oder hast Du zuerst das Buch geschrieben und langsam zum Titel gefunden.

Jürgen Bauer: Der Titel stand schon in der ersten Manuskriptfassung, allerdings versteckt im Text. Es gab schon in dieser frühen Fassung das Bild des Fensters, durch das man zwar blicken und das Leben beobachten kann, das einen aber durch die Glasscheibe auch von diesem Leben ausschließt. Ein Fenster ist eben keine Tür, durch die man gehen kann. Ich muss meinem Verleger, Jürgen Schütz, danken, dass er dieses Bild im Text aufgespürt und als Titel vorgeschlagen hat.

Erwin Uhrmann: Könntest Du Dir vorstellen, dass Hanna und Michael gemeinsam in ein Museum wie das Essl Museum gehen? Wie würden die beiden auf die zeitgenössische Kunst reagieren?

Jürgen Bauer: Ich kann mir vorstellen, dass Hanna das Auto startet und Michael einfach mitnimmt. Hanna ist trotz ihres Alters sehr viel aufgeschlossener für neue Eindrücke, als Michael. Sie wäre sicher bereit, sich auf zeitgenössische Kunst einzulassen, selbst wenn sie zu Beginn vielleicht keinen Zugang dazu findet. Aber sie besäße die Offenheit, sich dennoch darauf einzulassen!

Erwin Uhrmann: Beschäftigst Du Dich selbst mit Gegenwartskunst? Hast Du LieblingskünstlerInnen?

Jürgen Bauer: Ich finde es wichtig, Einflüsse aus allen Kunstformen aufzunehmen, also auch der bildenen, zeitgenössischen Kunst. Die Frage nach LieblingskünstlerInnen ist sehr schwierig – ich würde vielleicht Cy Twombly, Yves Klein und Gerhard Richter nennen, auch wenn man da bei dem einen oder anderen das „zeitgenössisch“ weglassen müsste! Aber gerade Gerhard Richter mit seiner Infragestellung der Realitätsabbildung hat mich sehr beeindruckt.

Erwin Uhrmann: An was arbeitest Du derzeit? Kannst Du uns etwas über Deine nächsten Projekte verrate

Jürgen Bauer: Ich arbeite gerade an meinem zweiten Roman, über den ich noch nicht wirklich etwas verraten möchte. Es wird um den Zusammenhang von Kontrolle und Angst gehen, aber mehr kann ich noch nicht verraten. Also auf der Septime-Homepage auf dem Laufenden halten!

Erwin Uhrmann: Du hast den Sommer in Berlin am Literarischen Colloquium verbracht. Wie war es? Hast Du viel geschrieben?

Jürgen Bauer: Ich hatte ein Zimmer mit Blick über den Wannsee und viel Zeit zum Schreiben, es war also wunderbar! Ich finde es großartig, dass es solche Räume gibt, die Zeit zum konzentrierten künstlerischen Arbeiten, aber auch zum Austausch und zu Diskussionen bieten. Das ist gerade am Anfang eines künstlerischen Weges sehr wichtig, wie ich finde!

Jürgen Bauer liest am Mittwoch, den 3. September bei freiem Eintritt im Essl Museum! Die weiteren Lesungen des Literaturherbstes finden Sie hier: http://www.essl.museum/musik__literatur/literatur/lesungen

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