Liebe und Tod im Werk von Adolf Frohner

von Andreas Hoffer, Günther Oberhollenzer

 

„Ich versuche Kunst zu machen, weil ich Kunst liebe.“[1]

„Das Tödlichste in der Kunst ist, wenn sie langweilig ist und niemanden bewegt.“[2]

Adolf Frohner

 

Liebe und Tod, was für ein Gegensatzpaar, was für eine Möglichkeit, das Essenzielle unserer Existenz zu benennen! Es fehlt nur noch die Geburt, aber diese könnte ja die Frucht der Liebe sein, zumindest das Produkt eines sexuellen Aktes. In der Verbindung von Liebe und Tod erscheint der Tod wie die andere Seite des Menschseins, genauso dazugehörend wie die Liebe.

Unbestritten spielen große Emotionen, das Existenzielle, die Sexualität, die ewige Frage nach dem Schönen und Hässlichen, die Einsamkeit und Verworfenheit des Menschen bis zum Wissen um die Endlichkeit allen Seins im Werk des österreichischen Künstlers Adolf Frohner eine große Rolle. Eine Ausstellung in der Wiener Galerie Hilger im Jahr 1989 trug den Titel Liebe und Tod. Im Katalog findet sich ein immer noch lesenswertes Gespräch zwischen dem deutschen „Kunstpfarrer“ Friedhelm Mennekes und Adolf Frohner. Frohner hat in den frühen 1960er-Jahren wiederholt Objekte mit gebrauchten Matratzen entworfen. Diese „grindvollen“ Werke bezeichnet der Künstler in ebendiesem Gespräch als Symbol für die menschliche Existenz, so auch für Liebe und Tod: „Gibt es etwas Gültigeres für ein Denkmal des Menschen als eine Matratze? Auf ihr wird man gezeugt, geboren, auf ihr ruht man sich aus, schläft auf ihr, liebt und stirbt man.“ [3]

Als wir gebeten wurden, zum Thema Liebe und Tod im Werk von Adolf Frohner einen Katalogbeitrag zu verfassen, haben wir uns noch einmal ganz in die Bildwelten Frohners begeben, die Veränderungen seiner Malerei von den 1960er-Jahren bis in die 1990er-Jahre studiert und uns auf die Suche nach Liebe und Tod in seiner Motivwelt gemacht.

Adolf Frohner, Totenkopf, 1988, aus: Totenkopf-Mappe, Ed. 49/100, Radierung auf Papier, 100 x 49 cm, Foto: Mischa Nawrata, Wien, © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien

Adolf Frohner, Totenkopf, 1988, aus: Totenkopf-Mappe, Ed. 49/100, Radierung auf Papier, 100 x 49 cm, Foto: Mischa Nawrata, Wien, © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien

Ein Teil des Doppels ist motivisch und in Bildtiteln immer wieder präsent: Es ist der Tod. Das eindringlichste und am einfachsten zu lesende Symbol dafür ist wohl der Totenkopf. In den späten 1980er-Jahren wird er in verschiedenen Mappenwerken und Serien des Künstlers zu einem wichtigen Motiv. [4] Dass es immer Serien sind, die den Totenkopf variieren, erläutert Frohner so: „Ich kann mit dem Malen eines einzelnen Totenschädels dem Thema ‚Tod‘ überhaupt nicht näherkommen, höchstens meinem eigenen, und so werden es dann 20 Bilder, 50, 100 und mehr, und so ist es bei allen Themen. Jetzt bei meiner Arbeit zum Thema ‚Liebe und Tod‘ nähere ich mich diesem Komplex von allen Seiten, nur nicht inhaltlich. Es geht mir um die künstlerische Form, um Spannungen, die im Bild entstehen. Der Inhalt ist eher ein Vehikel, damit ich mich dem Menschen nähern kann.“ [5]

Vielleicht gibt uns Frohner hier einen entscheidenden Hinweis zum Verständnis seiner Malerei, nämlich dass es ihm nicht um das bloße Darstellen einer eindeutig definierbaren Symbolik geht, wie etwa Totenköpfe und Skelette, sondern er durch die Haltung des Künstlers und seine malerische Umsetzung das grundsätzlich Existenzielle in den Vordergrund stellt. So können die Intensität eines Pinselstrichs und eine gesetzte Form mehr existenzielle Kraft vermitteln als das Motiv an sich, und es scheint möglich, durch das serielle Arbeiten, das immerwährende Wiederholen, fast einem Mantra gleich, die Intensität eines Themas zu steigern. Neben diesen Serien ist bemerkenswert, dass Frohner immer wieder Diptychen und Triptychen gemalt hat – ein Bildtypus, der aus der christlichen Tradition stammt und von vornherein schon eine hohe Bedeutungsaufladung mit sich bringt. Interessant erscheint dies auch aus dem Blickwinkel, dass Frohner kein Naheverhältnis zur christlichen Kirche hatte, alles andere als religiös im kirchlichen Sinne war, er seine Kunst in einem existenziellen Sinn aber durchaus als religiös empfand: „Ich habe große Sehnsucht nach Transzendenz. Ich möchte es nicht einmal Gott nennen, weil das Wort so vermenschlicht und belastet ist. Das Religiöse interessiert mich sehr. Wenn man will, sind alle meine Bilder, auch die grellsten, geilsten, hässlichsten, die fast blasphemischen, religiöse Bilder.“[6]

Adolf Frohner, Das Leben, Der Tod, Ich – oder Sokrates, 1980/81, Triptychon, Öl auf Leinwand, Gesamt 180 x 230 cm, Foto: Mischa Nawrata, Wien, © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien

Adolf Frohner, Das Leben, Der Tod, Ich – oder Sokrates, 1980/81, Triptychon, Öl auf Leinwand, Gesamt 180 x 230 cm, Foto: Mischa Nawrata, Wien, © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien

In der Sammlung Essl befindet sich das großformatige Triptychon Das Leben, der Tod, Ich oder Sokrates von 1980/81. Hier ist die ganze existenzielle Kraft zu spüren, die das Werk Frohners in dieser Zeit für uns ausmacht. Sowohl die Frau auf der linken Seite, das Leben, als auch der Mann rechts, der Künstler selbst, scheinen wie in das schmale Format gezwängt. Alles vermittelt bei den beiden Figuren eine ganz elementare Körperlichkeit, der dynamisch gesetzte Konturenstrich unterstreicht das ebenso wie die Haltung des Körpers und der zeichnerische Gestus insgesamt. Leidenschaft wie Zweifel und Zwänge dominieren die beiden Tafeln, das Leben scheint prall, aber auch von Abhängigkeiten gezeichnet. Ganz anders die Mitteltafel, der Tod: Er als Einziger scheint genügend Raum auf der Tafel zu besitzen, er steht ganz lässig da, in voller Selbstverständlichkeit, allerdings mit mahnend erhobenem Zeigefinger, teilweise sich in den weißen Hintergrund auflösend.

Friedhelm Mennekes, an Frohner gerichtet: „Ihre Bilder zeigen Menschen in Passion. Es sind leidenschaftliche Bilder, sie zeigen Energie, Kampf, die Lust auf Neues und auch den Drang und den Zwang weiterzukommen. Aber mittendrin liegt eben dann doch dieses Gezeichnete, Gemarterte, Leidende, Sterbende, Getötete. Ist Passion für Sie ein Schlüsselbegriff?“ Frohner: „Ja, ja. Als ich die ersten Bilder zerstörte, hab’ ich Löcher in sie gemacht. […] Der völlig intakte Mensch, der unantastbare, schöne Mensch, der ist wahrscheinlich vollkommen uninteressant. Er hat für mich keine Bedeutung. Erst wenn ich diesen Menschen zeige, dem etwas angetan wird, durch meine Lust am Verzeichnen, am Verzerren, am Karikieren, erst wenn ich ihn zum Schreien bringe, hat er für mich die Möglichkeit, Mensch zu sein.“ [7]

Adolf Frohner Hamlet (Salome als Hamlet), 1985 Öl auf Leinwand 100 x 80 cm Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien © Sammlung Essl Privatstiftung

Adolf Frohner
Hamlet (Salome als Hamlet), 1985
Öl auf Leinwand
100 x 80 cm
Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien
© Sammlung Essl Privatstiftung

Es ist wohl genau diese Liebe für den Menschen in seiner ganzen Verworfenheit, die das Werk von Frohner auszeichnet: „Das Menschenbild ist immer da, ohne Menschen wäre überhaupt nichts. Ich glaube, dass die Liebe für das Leben absolut notwendig ist und der Tod steht am Ende als der letzte Akt des Lebens.“ [8] Was also bedeutet es, wenn wir über die Liebe im Werk Adolf Frohners reden? In der ersten Beschäftigung mit dem Wort „Liebe“ tauchte für uns sofort das Bild einer emotionalen Beziehung von zwei Menschen als Assoziation auf. Ein solches Bild findet sich kaum in Frohners Werk (bei seinen wenigen „Liebespaaren“ geht es vor allem um den sexuellen Akt), sie ist wohl auch schwer darstellbar. Für Frohner ist der Begriff der Liebe ein viel umfassenderer – ihm geht es nicht um das vermeintliche Glück zweier Liebender, seine Auseinandersetzung mit der Liebe ist eine leidenschaftliche Hingabe an die Kunst und das menschliche Leben an sich.

Zum Abschluss möchten wir noch einmal den Künstler selbst zu Wort kommen lassen, entnommen einer handgeschriebenen Notiz:

„Liebe und Tod, Liebe gegen Tod: Tote Liebe, Liebestod. Die Liebe ist tot; der Tod ist tot – der tote Tod. Die liebende Liebe. Der ewige Tod, die ewige Liebe – die ewige Ewigkeit. Die Angst vor der ewigen Liebe. Die Angst vor dem Tod. Die ewige Angst. Die liebende Ewigkeit. Die tote Angst. Die Angst vor der Ewigkeit. Die Angst vor der ewigen Liebe. Der liebe Tod.“ [9]

Adolf Frohner Das hohe Bett der Rituale, 1963 207 x 86 x 46 cm © Sammlung Essl Privatstiftung Foto: Franz Schachinger, Wien

Adolf Frohner
Das hohe Bett der Rituale, 1963
207 x 86 x 46 cm
© Sammlung Essl Privatstiftung
Foto: Franz Schachinger, Wien

Die Ausstellung >adolf frohner (1934-2007). fünf jahrzehnte malerei, grafik, objekt< wird vom 05.09.2014 bis 11.01.2015 im Essl Museum gezeigt.

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der im Forum Frohner in Krems gezeigten Schau: „Blutorgel. Adolf Frohners Anfänge im Wiener Aktionismus“ (07.09.2014–06.04.2015)

[1] Adolf Frohner im Gespräch mit Wolfgang Drechsler, „Ich mache Kunst, weil ich Kunst liebe“, in: Adolf Frohner – Wieder Malerei, Katalog zur Ausstellung im Harenberg City-Center Dortmund [25.10.–12.12.1996], Dortmund 1996, S. 166–169, hier S. 166, 169.

[2] Adolf Frohner im Gespräch mit Friedhelm Mennekes, in: Adolf Frohner – Liebe und Tod, Katalog zur Ausstellung in der Galerie Hilger, Wien [1989/90], Wien 1989, S. 7–15, hier S. 7.

[3] Ebd., S. 12.

[4] So erschien z. B. 1988 im Christian Brandstätter Verlag Wien unter dem Titel Totenköpfe eine sehr eindringliche Publikation mit 50 Totenköpfen von Adolf Frohner, begleitet mit 48 Gedichten und einem Essay von Erich Fried.

[5] Adolf Frohner im Gespräch mit Friedhelm Mennekes (s. Anm. 2), S. 7.

[6] Dieter Ronte, Hans-Peter Wipplinger (Hg.), Adolf Frohner, Wien 2009, S. 118.

[7] Adolf Frohner im Gespräch mit Friedhelm Mennekes (s. Anm. 2), S. 15.

[8] Adolf Frohner (s. Anm. 6), S. 115.

[9] Adolf Frohner, Notizen zum Thema „Liebe und Tod“, entnommen einem Originalmanuskript, ohne Jahresangabe, Archiv Familie Frohner, ebd. S. 120.

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