Es lebe die Malerei!

by Günther Oberhollenzer

Hat die Malerei Zukunft?

Manchmal habe ich den Eindruck, der zeitgenössische Kunstbetrieb lebt von modeabhängigen Trends und Hypes, die dem verunsicherten Kunstliebhaber weismachen wollen, was gerade „en vogue“ ist, welche Kunst es zu betrachten, zu kaufen gilt. Dazu gehört es auch, die „Zeitmäßigkeit“ und „Modernität“ der Malerei immer wieder zu hinterfragen und diese klassische Gattung der Bildenden Kunst gegenüber den neuen Medien als überholt und antiquiert zu überführen. Auch in jüngerer Zeit sind über die Sinnhaftigkeit und die Zukunft der Malerei kontroverse Diskussionen geführt worden. Eigentlich ein alter Hut, denn in den letzten hundert Jahren wurde die Malerei schon mehrmals für tot erklärt und immer wieder behauptet, dass sie keinen Platz mehr in der Gegenwart habe. Künstlerinnen und Künstler loteten immer wieder die Möglichkeiten und Grenzen der Malerei aus, sie fanden zur reinen Abstraktion und zerstörten das Bild, sie verwendeten den Körper als Pinsel oder Leinwand und erweiterten das zweidimensionale Bild in den Raum. Mehrmals schien ein Endpunkt erreicht. Mehrmals schien alles erprobt, alles erzählt, alles gesagt worden zu sein. Künstlerinnen und Künstler widersetzten sich aber auch dem Zeitgeist. Sie malten weiter, egal ob mal wieder das „Ende der Malerei“ ausgerufen wurde und verliehen der Malerei dadurch immer wieder neue, starke Impulse. Bis zum heutigen Tag. Nein, die Malerei ist kein Auslaufmodell. Nicht nur, dass immer dann, wenn die Malerei im Kunstdiskurs als vernachlässigbar gehandelt wurde, diese mit ungeheuer Kraft ein Lebenszeichen von sich gab (man denke nur an jüngere Beispiele wie die „Neuen Wilden“ in den 1980er Jahren oder an die „Neue Leipziger Schule“ Ende der 1990er Jahre), die Malerei gehört – wie auch die Zeichnung, für die gleiches gilt – zu den unmittelbarsten Ausdrucksformen künstlerischer Kreativität und Vorstellungskraft. Auch in der zeitgenössischen Kunst. Sie wird es immer geben. Die Malerei bracht sich dabei nicht ständig neu erfinden oder irgendwelchen Trends anpassen. Ein Zeichenstift, ein Pinsel. Ein Blatt Papier oder eine Leinwand. Das genügt. Und eine ganze Welt kann entstehen.

 

Auch die Erweiterung der künstlerischen Techniken und Ausdrucksformen durch die neuen Medien muss nicht auf Kosten der Malerei gehen. Diese sind eine Bereicherung im so vielfältigen Kunstbetrieb, es gibt aber keinen Grund, dass deshalb die „traditionellen“ Medien verdrängt werden. Mit dem Aufkommen der Fotografie im 19. Jahrhundert glaubte man, die Malerei würde über kurz oder lang verschwinden. Doch das Gegenteil war der Fall. Durch die Erfindung der Fotografie konnte sie sich vom „Ballast“ des Abbildes befreien. Das Interesse verlagerte sich vom Motiv auf die Malweise, Künstler wie Cézanne oder Manet fassten das Bild nicht mehr als Fenster zur Welt auf, auf der ebenen Fläche wurde kein dreidimensionaler Raum mehr vorgetäuscht. Das Bild wurde vielmehr ein zweidimensionales Feld, in dem Ordnung von Formen und Farben relevant ist – eine parallele Realität zur Welt und nicht zu deren Abbildung. Und so kann auch in unserer Zeit die Malerei in Dialog mit der Gegenwart ihre eigenen Wege des Ausdrucks suchen oder sich auf ihre ureigenen Stärken berufen. Ich glaube gerade heute, in einer technisierten Welt, wächst wieder das Bedürfnis der Menschen nach gemalten Bildern, steigt die Nachfrage nach Authentizität und der Persönlichkeit der malenden Künstlerin, des malenden Künstlers. In einer multimedialen Gesellschaft, in der wir täglich von tausenden Bildern bombardiert werden, die morgen schon wieder nichtig sind, steigt die Sehnsucht nach einem Bild, das über den Moment hinaus bestehen kann, das die Zeit überdauern kann. In einer Welt, in der alles öffentlich gemacht wird, in der durch soziale Netzwerke und Medien gewollt und ungewollt jeder noch so privaten Winkel ausgeleuchtet wird, braucht es gemalte Bilder, die wieder geheimnisvoll und vieldeutig sind, in denen sich, um es mit den Worten von Neo Rauch zu sagen, „etwas Unbenennbares ansiedelt, das sich dem wörtlichen Zugriff entzieht“. Ja, ich glaube, heute ist die Stunde der Malerei.

 

Die Zukunft der Malerei

Malerei, aber auch die Zeichnung sichtbar machen, das künstlerische Potenzial zeigen, das es in Österreich auf diesem Feld gibt: das ist das Anliegen der Ausstellung >die zukunft der malerei<. Die Grafik wird hier bewusst auch genannt, da sie – ebenfalls ein wesentliches traditionelles Medium – Parallelen und Überschneidungen zur Malerei aufweist und Zeichnung wie Malerei im zeitgenössischen Kunstgeschehen bisweilen nur wenig Beachtung finden. Welche malerischen und zeichnerischen Positionen gibt es in Österreich zu entdecken? Welche Rolle spielen Malerei und Grafik in der österreichischen Kunstszene? Wie haben sie sich in den letzten Jahren entwickelt? Die Vorbereitungen und Künstlerauswahl für die Ausstellung sind als eine umfangreiche Recherche und Untersuchung angelegt. Von Mitte Februar bis Ende April konnten sich österreichische und in Österreich lebende und arbeitende Künstlerinnen und Künstler für die Teilnahme bewerben. Zur Einreichung zugelassen waren Malerei und Grafik. Die Rückmeldungen waren überwältigend: 756 Künstlerinnen und Künstler bewarben sich. Ich traf mit meinen Kuratorenkollegen Johanna Langfelder-Hain und Andreas Hoffer eine erste Vorauswahl von 46 Künstlerinnen und Künstlern, die wir dann im Mai und Juni in ihren Ateliers in ganz Österreich besuchten. Daraus wurden 23 künstlerische Positionen für die Ausstellung ausgewählt.

 

 

Da es kein Alterslimit für die Bewerbung gab sind in der Ausstellung Künstlerinnen und Künstler von 26 bis 72 Jahren vertreten. Auch Autodidakten und Künstler, die lange im Verborgenen gearbeitet haben sind unter den Entdeckungen. Das Verhältnis der Geschlechter ist sehr ausgeglichen, erst nachdem die Endauswahl getroffen war wurde nachgezählt: elf Künstlerinnen und zwölf Künstler (darunter ein Künstlerpaar). Die Mehrzahl lebt in der Bundeshauptstadt Wien, einige kommen aber auch aus den Bundesländern (Niederösterreich, Oberösterreich, Burgenland, Vorarlberg), zwei leben derzeit in Berlin. Die österreichische Staatsbürgerschaft war keine Voraussetzung, in Österreich lebende Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland, Bulgarien, Litauen, Russland und Syrien stellen eine große Bereicherung für das Projekt dar. Zu sehen sind Werke von Künstlerinnen und Künstler, die schon auf ein beeindruckendes Œuvre blicken können und auch eine recht rege Ausstellungstätigkeit aufzuweisen haben, aber auch solche, die noch ganz am Anfang stehen und über ein vielversprechendes künstlerisches Potenzial verfügen. Auch die Bandbreite der ausgewählten Positionen ist beeindruckend und reicht von Malereien in Öl, Acryl und Eitempera über installative, raumgreifende Arbeiten bis zu Holzschnitten, Tuschezeichnungen und Fotoübermalungen. Viele Künstlerinnen und Künstler vertrauen auf die „alte“ Stärke des klassischen Mediums, auf einer Leinwand, einem Holzplatte oder einem Blatt Papier mit Ölfarbe, Acryl oder Graphit ihre eigene Welt entstehen zu lassen, sei es nun figurativ oder abstrakt, unmittelbar spontan oder wohldurchdacht und streng komponiert. Die Erweiterung der Malerei in die dritte Dimension oder auch die Auslotung ihrer Grenzen wird zwar immer wieder angestrebt, ist aber nur selten überzeugend (drei überzeugende Beispiele gibt es aber in der Ausstellung). Es drängt sich deren Notwendigkeit nicht auf. Am stärksten scheint die Malerei und Zeichnung dann zu sein, wenn sie ganz bei sich bleibt und die Künstlerin, der Künstler versteht, ihre Stärken auszukosten.

 

Die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler für die Ausstellung war ein intensiver wie spannender Prozess. Johanna Langfelder-Hain, Andreas Hoffer und ich diskutieren leidenschaftlich über Möglichkeiten und Grenzen von Malerei und Grafik, über Qualitätskriterien in der Kunst, über die Subjektivität unserer Entscheidungen. Besonders anregend und bereichernd waren für uns die Atelierbesuche, es machte große Freude, so viele interessante, unterschiedliche Menschen persönlich kennen zu lernen und im kreativen Umfeld des Ateliers einen unmittelbaren Einblick von ihrem künstlerischen Schaffen zu erlangen. Da es sich hier um meist noch nicht im Kunstbetrieb stark etablierte Künstlerinnen und Künstler handelt wurden wir mit ganz grundlegenden Fragen konfrontiert: Ist das gute Kunst? Worin liegt ihre Stärke? Gibt es ein Entwicklungspotenzial? Warum soll man diese Kunstwerke in einer Ausstellung zeigen? Oft war unsere Antwort: „Ja, für uns ist das eine starke künstlerische Position“ – wenn etwa eine junge Künstlerin mit großformatigen Baumstämmen hantiert und daraus Holzschnitte fertigt, die in ihrer archaischen Bildsprache zeitlos erscheinen, wenn ein Künstler ein Archiv von mehreren tausend gemalten Bildern anlegt und dadurch die Malerei als künstlerisches Medium, als Bildträger aber auch als Objekt thematisiert, wenn ein Maler die Grenzen zwischen Figuration und Abstraktion immer mehr verwischt bis sie nicht mehr wichtig erscheinen oder wenn eine Zeichnerin Geschichten voller Rätsel und surrealer Einfälle erfindet, … dann waren wir überzeugt: diese künstlerische Position soll gezeigt werden. Beeindruckt hat uns die hohe Qualität der Arbeiten, die große Bandbreite der künstlerischen Ausdrucksmittel, die Themenvielfalt. Basierend auf den Einreichungen, lässt sich erkennen, dass die Figuration gegenüber der Abstraktion dominiert. Überraschend stark durchsetzen konnten sich grafische Positionen. Ich bin der Meinung, dass Malerei und Grafik im zeitgenössischen Kunstgeschehen in Österreich zu geringe Beachtung findet. Nur weil sie kaum zu sehen ist, nicht oder nur wenig ausgestellt wird, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt, dass in den Ateliers nicht vieles an spannender Malerei und Zeichnung entsteht. Wir möchten sie sichtbar machen. Die Ausstellung kann als ein klares, selbstbewusstes Statement für diese traditionellen Medien gesehen werden, aber auch als engagierte Förderung für eine in den meisten Fällen noch nicht stark in der Szene etablierten Kunst, die es sich lohnt zu entdecken. Nach all dem, was wir gesehen haben – über 700 Bewerbungen mit fast fünfzig Atelierbesuchen –, wage ich jedenfalls zu behaupten, dass Malerei und Grafik über ein äußerst vitales wie kreatives künstlerisches Potenzial verfügen, ja dass sie lebendiger denn je sind.

Günther Oberhollenzer

 

 

 

Die Ausstellung >die zukunft der malerei. eine perspektive< wird vom Fr, 03.10.2014 – So, 08.02.2015 im Essl Museum gezeigt. Eröffnung: Do, 02.10.2014, 19:30 Uhr
 

Folgende Künstlerinnen und Künstler nehmen an der Ausstellung teil: Ines Agostinelli, Alfredo Barsuglia, Adel Dauood, Cäcilia Falk, Irina Georgieva, Lena Göbel, Suse Krawagna, Eric Kressnig, Isabella Langer, Matthias Lautner, Larissa Leverenz, Leo Mayer, Robert Muntean, Peter Nachtigall,  Alfons Pressnitz, Vika Prokopaviciute, Thomas Riess, Bianca Maria Samer, Patrick Roman Scherer, Martin Veigl, Victoria Vinogradova, Christiane Wratschko, marshall!yeti.

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