Von der Liebe zur Kunst

Günther Oberhollenzer, Kurator am Essl Museum, schreibt in seinem im Limbus-Verlag kürzlich erschienen Essayband „Von der Liebe zur Kunst“  darüber, warum es unser Leben so bereichert, wenn man sich auf die Kunst einlässt. Sein Essayband wird am Donnerstag, den 11. Dezember um 19.00 Uhr im MUSA präsentiert.

Günther Oberhollenzer, Foto: © Sageder/VDG.at

Günther Oberhollenzer, Foto: © Sageder/VDG.at

KÖNNEN WIR KUNST VERSTEHEN?

Auszug aus dem Buch von Günther Oberhollenzer „Von der Liebe zur Kunst – Warum es unser Leben so bereichert, sich auf sie einzulassen “, Limbus 2014

Wir werden nicht mit einem Verständnis für zeitgenössische Kunst geboren – auch wenn manche Kunstkritiker und Kuratoren diesen Eindruck vermitteln. Hören wir ihnen bei Eröffnungsreden, in Diskussionen und Interviews zu oder lesen wir in Katalogbeiträgen und Zeitschriften ihre Texte, glauben wir bisweilen, sie wüssten schon seit Kindertagen, dass dieser oder jener zeitgenössische Künstler von großer Bedeutung ist und sein Werk eine unschätzbare Bereicherung für Kunst und Kunstgeschichte darstellt. Den Ausführungen haftet oft etwas scheinbar Objektives, ja Allgemeingültiges an. Ihre intellektuelle Sprache ist wissend und abgeklärt, ihr Auftreten nüchtern und emotionslos. Keine Zweifel klingen durch. Kein Ringen mit schwierigen (sprich provokanten oder konzeptionellen) Positionen. Man übt sich in ironischer Distanz bis hin zur arroganten Attitüde, nach dem Motto: Mich kann nichts mehr erschüttern oder überraschen, ich habe alles schon gesehen. Das muss langweilig sein.

Günther Oberhollenzer, Von der Liebe zur Kunst, erschienen im Limbus-Verlag, Innsbruck 2014 Gebunden mit Lesebändchen. 176 Seiten Preis: 13,– € (A/D) ISBN 978-3-99039-036-8 www.limbusverlag.at

Günther Oberhollenzer, Von der Liebe zur Kunst, erschienen im Limbus-Verlag, Innsbruck 2014 Gebunden mit Lesebändchen. 176 Seiten Preis: 13,– € (A/D) ISBN 978-3-99039-036-8 http://www.limbusverlag.at

Wo bleibt die Leidenschaft? Die Hingabe, der Glaube an die Sache? Sollten wir nicht mit Begeisterung über Kunst sprechen, das Risiko in Kauf nehmend, sich damit zu exponieren oder einmal völlig danebenzuliegen? Ist es nicht schöner, für etwas zu brennen und das auch zu zeigen, als vorsichtig jedes Wort abzuwägen, zu versuchen, jede These kunsthistorisch zu untermauern und die eigenen Gedanken hinter theoretischen Exkursen und geschliffenen Satzkonstruktionen zu verschleiern? Es gibt sie, die leidenschaftlichen Menschen im Kunstbetrieb. Aber wieso tut man sich so schwer, diese Begeisterung unverblümt zu zeigen? Weil man sich angreifbar macht, wenn man Kunst mit Emotionen in Verbindung bringt? Natürlich ist das nicht immer möglich, denn manchmal ist eine etwas nüchterne, fachlich ausgewogene Form sinnvoll und ein subjektiver Gefühlsausbruch wenig zielführend und erwünscht. Gegen eine ernsthafte, intellektuell vertiefende Betrachtung eines Kunstwerks oder einer künstlerischen Position ist auch nichts einzuwenden. Doch wenn ich heute manchen Eröffnungsrednern zuhöre, wundert es mich nicht, dass viele Menschen damit nichts anfangen können.

Ich erlebe den Umgang mit und das Betrachten von zeitgenössischer Kunst oft wie die eines elitären Zirkels, dem nur Kenner und Wissende angehören können – eine kleine, eingeschworene Gruppe, die der Kunst einen intellektuellen Überbau und so auch eine Aura des Bedeutsamen, des Unantastbaren verleiht, bestehend aus Inhalten, die nur für diese erwählte Minderheit erschließbar sind. Liest man manche Katalogessays, beschleicht einen das Gefühl, hier wird den Lesern nicht Kunst vermittelt, sondern entrückt – weit weg, in eine andere Sphäre mit exklusivem Zugang. Wir Kuratoren müssen weg von unserem Elfenbeinturm-Denken. Wie von einer Panoramawarte aus betrachten wir das künstlerische Schaffen, teilen ein und katalogisieren, bewerten und analysieren – und das natürlich mit größtmöglicher Distanz und sprachlicher Nüchternheit, als würden wir ein physikalisches Experiment oder eine mathematische Formel beschreiben. Dabei handelt es sich bei Kunst doch um ein visuelles Medium, das unsere Sinne anspricht und, nachdem es als Bild auf die Netzhaut getroffen ist, sich seinen Weg in unseren Geist, Verstand und – ja, ich wage es zu schreiben – auch unser Herz bahnen soll.

(…)

www.liebezurkunst.com

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