„Ich habe mit offenen Augen geträumt…“ Karlheinz Essl zur „Aboriginal Art“

Der Sammler Karlheinz Essl hat Australien mehrfach ausgedehnt bereist (2001, 2003 und 2013) und war jedes Mal aufs Neue von der spirituellen Kraft dieser Kunst fasziniert.

Es ist nicht falsch zu sagen, dass die Welt, in der wir leben, in menschlicher Hinsicht ein oft kalter Platz ist. Diese Erfahrung habe ich leider sehr oft gemacht und jeder, der diese Zeilen liest, hat sie ebenso gemacht. In meinem Leben als Sammler habe ich immer wieder Künstlerinnen und Künstler getroffen, die notwendigerweise Kritik an der Beschaffenheit dieser unserer Gesellschaft, die zu sehr auf schnellen Erfolg ausgerichtet ist, üben. Manche Künstler haben dieser Kritik ihr Leben gewidmet, manche haben Lösungen aufgezeigt, manche sind daran zerbrochen. Künstler sind Pioniere, die mehr sehen als die meisten anderen Menschen. Mehr Leid, mehr Abgründe, mehr Schrecknisse, mehr Gefahren, ebenso aber auch mehr Sinn, mehr Möglichkeiten, mehr Hoffnung.

Heiliger Berg Uluru; Foto: Fotolia.com © Ina van Hateren

Heiliger Berg Uluru; Foto: Fotolia.com © Ina van Hateren

 

Ich vertrete die Meinung, dass Kunst Sinn im Leben stiftet, und dass wir ohne Kunst kein gutes Leben führen können.

Ich vertrete die Meinung, dass Kunst Sinn im Leben stiftet, und dass wir ohne Kunst kein gutes Leben führen können. Für mich ist die Kunst immer jene Konstante im Leben gewesen, an der ich mich festgehalten habe. Auf der ganzen Welt habe ich faszinierende Kunstschaffende und Kunstwerke erlebt. Aber an keinem anderen Ort habe ich die Kraft, die dem menschlichen Ausdruck entspringt, das Mysterium unserer menschlichen Natur und die Schönheit des Daseins so sehr verspürt wie bei den Aboriginal People in Australien. Nirgendwo anders habe ich so viel Respekt erlebt, so viel Würde und so viel Verständnis für die Natur und das Menschsein. Nirgendwo anders ist die Kunst so sehr eine Quelle der Spiritualität. Als ich in Australien war, habe ich mit offenen Augen geträumt. Und wenn ich heute die Kunst der Aboriginal People betrachte, so sehe ich diese Träume wieder.

Landschaft im australischen Outback; Foto: Fotolia.com © jovannig

Landschaft im australischen Outback; Foto: Fotolia.com © jovannig

Australien war für mich immer ein Kontinent mit Rätseln. Im Laufe meines Lebens habe ich viel gehört, viel gelesen über diesen Kontinent, der so weit weg von allen anderen ist. Als ich dann im Jahr 2000 zum ersten Mal dorthin gereist bin, habe ich, wie bei vielen anderen Reisen auch, die bedeutenden Museen besucht. Die historischen Werke – englische Kunst aus den Jahrhunderten der Kolonialisierung – waren nur mäßig interessant. Sofort aber berührte mich die Kunst jener Menschen, die diesen Kontinent schon seit Jahrtausenden bewohnen, die Aboriginal People.

Darby Jampijinpa Ross mit einem Werk, Yuendumu © Neil McLeod

Darby Jampijinpa Ross mit einem Werk, Yuendumu © Neil McLeod

Ich änderte all meine Reisepläne und begann, mich in die Aboriginal Art zu vertiefen, die seit den 1970er Jahren in Australien auch offiziell eine wichtige Rolle in der Kultur spielt. Ich sah Kunstwerke, die mich, ob ihrer Ausstrahlung derart berührten, dass ich ohne Umschweife beschloss, selbst eine Sammlung von Aboriginal Art anzulegen. Ich habe dies in Abstimmung mit den Menschen vor Ort gemacht, mit den Kulturzentren der Aboriginal People und den Ältesten, die eine zentrale Rolle im sozialen Leben von Gemeinschaften dort einnehmen. Unser gemeinsames Ziel war es, weit weg von Australien, der Aboriginal Art einen permanenten Platz zu geben, wie eine Botschaft, eine Anlaufstelle, ein Ort der Kommunikation, und sie vielen Menschen zu zeigen und zugänglich zu machen.

Aboriginal-Künstler beim Anfertigen eines Dotpaintings © Michael Aird

Aboriginal-Künstler beim Anfertigen eines Dotpaintings © Michael Aird

Im Jahr 2003 führte mich eine weitere vertiefende Reise in jene Gegenden, die touristisch nicht zugänglich sind. Die leidvolle Geschichte der Aboriginal People berührte mich zutiefst. Trotz der Grausamkeiten, die diesen Menschen im Zuge der Kolonialisierung angetan wurden – man betrachtete sie als Freiwild, misshandelte und tötete sie, enteignete sie, entweihte ihre heiligen Plätze, versuchte sie mit Zwang an die Konsumwelt anzupassen – ist noch immer ein Teil dieser Kultur erhalten. Ich begann die Kunst der Aboriginal People zu verstehen, je mehr ich mich auf sie einließ. Sie erzählt uns unter anderem von heiligen Orten, von den Walkabouts – Wanderungen durch die Landschaft – und von Dreamings, deren Inhalte geheim sind und nur für deren Inhaber gedacht das Wissen der Ahnen weitergeben. Die Kunst der Aboriginal People vertritt eine ganzheitliche Auffassung vom Leben, sie berührt Dinge, die älter sind als das meiste Wissen, das wir auf der Welt haben. Ich habe in dieser Kunst eine spirituelle Kraft gefunden, die wir in unserer rein auf schnellen Erfolg ausgerichteten Welt verloren haben. Wenn wir sie betrachten, öffnet sich ihr Kosmos für uns ein Stück.

Vorwort zum Ausstellungsbegleiter „ABORIGINAL ART“. Der Ausstellungsbegleiter ist im Bookshop und an der Kassa des Essl Museums um 9,90 EUR zu erstehen.

Die Ausstellung „ABORIGINAL ART“ wird am Donnerstag, den 29. Jänner um 19.30 Uhr im Beisein des australischen Botschafters, S.E. David Stuart, eröffnet.

2 Antworten zu “„Ich habe mit offenen Augen geträumt…“ Karlheinz Essl zur „Aboriginal Art“

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    vor wenigen Wochen war ich im Essl Museum und habe mir die großartige Ausstellung zur aboriginal Kunst angesehen, ja eher auf mich wirken lassen. Ich war sehr berührt und habe mich sehr gefreut diese Werke auch hier in Europa sehen zu können! Allerdings höre und lese ich auch gerade von der Absicht der gewaltsamen Schließung von Aboriginal Gemeinden (http://www.theguardian.com/australia-news/2015/may/01/thousands-join-protests-against-wa-indigenous-community-closures). Die sozialen Medien sind ebenfalls zur Zeit voll von Berichten und Schilderungen haarsträubender Zustände. Mich macht traurig wie wenig davon hierzulande zu lesen oder zu hören ist. Es ist ist doch auch ein europäisches Thema! Es waren Europäer, die diese Menschen um ihr Land und ihre Zukunft betrogen und aufs übelste ausgebeutet haben und sie nun wiederum behandeln als wären sie rechtlos (http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/mar/21/john-pilger-indigenous-australian-families?CMP=share_btn_fb)!
    Besonders schockiert haben mich Berichte, dass ehemalig als „heilig“ geschützte Stätten mit Felszeichungen nun einfach zu „unheilig“ erklärt werden, nur damit man Bodenschätze weiter ausbeuten kann (http://www.robinchapple.com/ancient-rock-art-not-sacred-enough). Wo ist hier der Aufschrei? Es ist ebenfalls unser Weltkulturerbe!
    Ich finde das echt unerträglich – und das Schweigen der meisten Medien im Westen ist mir unerklärlich! Ich habe bereits einige Briefe an renommierten Zeitungen geschickt und außer einer Empfangsbestätigung oder eines lapidaren Kommentars keine Antwort bekommen. Ist das wirklich niemandem eine Zeile wert? Mich macht das so traurig!
    Vielleicht ist es Ihnen als Institution möglich, zumindest etwas mediale Aufmerksamkeit für diese Ereignisse zu bekommen oder auch Solidarität mit den Aktivist_innen (http://www.sosblakaustralia.com/#!media/c1r6a) zu zeigen, um bewusst zu machen was in Australien gerade passiert und welche ungeheuren Folgen das für unsere Kulturgeschichte hat? Nicht zuletzt um auch zu zeigen, dass der Kolonialismus von Europa ausgehend 2015 endgültig zu Ende ist.
    Danke und beste Grüße,
    Marion Polaschek

  2. Liebe Frau Polaschek,
    es freut uns, dass Sie von unserer Ausstellung so zutiefst berührt waren.

    In Kooperation mit der Australischen Botschaft und der australisch-österreichischen Gesellschaft haben wir in unserem Programm mehrere Veranstaltungen und Vorträge (u.a. mit Julie Turner „Indigenous Peoples of Australia“) durchgeführt, die sich mit den anhaltenden Problemen der indigenen Bevölkerung Australiens beschäftigen.

    Angedacht ist demnächst auch ein Vortrag mit dem australischen Botschafter in Dänemark, Damian Miller, dem ersten indigenen australischen Botschafter. Wir werden in unserem Newsletter den genauen Termin veröffentlichen. Vielleicht sehen wir Sie dort?

    Herzliche Grüße
    Ihr Social Media Team des Essl Museums

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