Vom Groundpainting zur Urban Art: Einführung in die Ausstellung ABORIGINAL ART von Kurator Andreas Hoffer

Die Aboriginal Kultur

Die Kultur der Ureinwohner Australiens, der Aboriginal-People, gilt als eine der ältesten noch existierenden der Welt. Die Aboriginal Art gibt es erst seit Beginn der 1970er Jahre. Wie passt das zusammen?

Krill Krill Zeremonie © Neil McLeod

Krill Krill Zeremonie © Neil McLeod

Die Kultur der Ureinwohner des Kontinents Australien, die sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, also bis zum Beginn der Kolonialisierung durch Weiße, über 30.000 Jahre entwickelte, ist eine Kultur, die unseren Vorstellungen von der Stellung des Menschen in der Natur diametral entgegengesetzt ist. Die vielen Völker und Stämme Australiens (noch ca. 400 – 700 Stämme Ende des 18. Jahrhunderts), entwickelten über 250 verschiedenen Sprachen. Heute werden nur mehr 30 davon aktiv gesprochen. Die Aboriginal-People gehen von einem Schöpfungsmythos aus, der sogenannten „Dreamtime“, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden sind. Die Schöpfung wird als ein ewig andauernder Prozess verstanden. Der Mensch ist im Gefüge der Natur total eingebunden; nur durch die Sprache von anderen Geschöpfen und Lebewesen getrennt, gilt er als respektvoller Verkünder und Bewahrer der ewigen Schöpfung. Kein Lebewesen, keine Pflanze, kein Tier und auch kein Mensch erhebt sich über andere. Alles was die Menschen tun und hinterlassen ist flüchtig, nichts Materielles soll die Natur verändern, alles Wesentliche wird nur durch den Geist und die Sprache repräsentiert und nur mündlich wird der Kosmos des Wissens der Ureinwohner weitergegeben. Das Wissen ist aufgeteilt auf alle Menschen, die es wieder an die Nächsten weitergeben. Jeder Mensch ist also für einen Teil des immensen Wissens verantwortlich ­ das kann ein Baustein sein, der etwas aus der Geschichte der Ahnen beinhaltet, das Wissen um die Kraft einer bestimmten Pflanze, eines Handwerks, einer Route durch die Wüste, einer Wasserstelle und vieles mehr.

Diese Art der Wissensspeicherung hat man später „Dreaming“ genannt, vieles wurde auch in Liedform weitergegeben. Die „Dreamings“ bestimmen auch die persönlichen „Totems“, Zeichen, die zum Beispiel in der Körperbemalung eine Rolle spielen. Manche dieser „Dreamings“, besonders jene zu Riten und der Bedeutung der Ahnen sind besonders geheim und dürfen nur initiierten Stammesangehörigen zur Verfügung stehen.

Die Aboriginal-People waren Nomaden. Einige wenige sind es heute noch. Sie passen ihre Lebens- und Essgewohnheiten und ihre Jagdmethoden an die Umgebungen an, ganz gleich ob es das kalte und feuchte Hochland Tasmaniens oder das trockene und heiße Innere des Kontinents war. Sie bauen keine Häuser, weder Häuser zum Wohnen und Arbeiten, noch Gebetshäuser. Sie entwickelten keine Schrift. Sie haben nur das gejagt, was sie zum Leben brauchten und betrieben keine Vieh- und Pflanzenzucht. Sie lebten von dem, was die heilige Erde hergibt, ohne dass sie verletzt wird, wie zum Beispiel durch Pflanzungen. Die Erde ist gleichermaßen Ort der ewigen Schöpfung wie auch als Körper zu verstehen, dessen Zentrum (des Kontinents), der Bauchnabel der Welt, der heilige Berg Uluru ist. Jeder Eingriff in diese Erde ist eine Störung der heiligen Plätze und wird als „Körperverletzung“ erlebt.

Ground Paintings

Queene McKenzie Nakarra zeichnet in die Erde © Neil McLeod

Queene McKenzie Nakarra zeichnet in die Erde © Neil McLeod

Da es keine Häuser gab, gab es auch keine Bilder in unserem Sinne. Aber es wurden 25.000 – 40.000 Jahre alte Höhlenzeichnungen gefunden, auch wurde die Rinde von abgestorbenen Bäumen zum Bildträger (sogenannte „bark paintings“). Zu rituellen Festen bemalten sich die Aboriginal-People mit Farben aus der Natur, mit zerriebenem Ocker, mit Kreide, etc. Bei diesen religiösen Festen und Riten entstanden auch Bilder – Bilder, die zu besonderen Anlässen am Boden gelegt wurden, sogenannte „Ground Paintings“. Die Inhalte dieser Bilder sind immer mit den „Dreamings“, also mit Teilbereichen der Kultur und Ahnengeschichte, verbunden und ähnlich wie die Körperbemalungen höchst abstrahiert. Manche Symbole kehren dabei immer wieder. Was die vereinfachten Zeichen für Mensch, Tiere, Wasserstelle, etc. verbindet ist zumeist die Sicht von oben auf einen Teil der Natur. So entwickelte sich z.B. das Zeichen für einen sitzenden Menschen aus einem im Schneidersitz Sitzenden, gesehen aus der Vogelperspektive. Oder das Symbol für Wasserstelle sind die konzentrischen Kreise auf der Wasseroberfläche, die entstehen, wenn man einen Stein hineinwirft. Diese Sicht von oben, die fast alle Bildformen und Symbole verbindet, bedingt, dass alle Elemente des Lebens, ob Pflanzen, Tiere oder Menschen, aus der Distanz gesehen gleichwertig erscheinen, ein wesentliches Merkmal dieser ganzheitlichen Auffassung vom Leben.

Bei rituellen Handlungen wurden die Zeichen mit Federn, Samen und Pflanzen geformt und in den Sand gemalt. Nach dem Fest oder dem religiösen Ritus zogen die Menschen weiter und der nächste Windstoß ließ das Bild wieder vergehen.

Kolonialisierung

Diese Kultur, die sich Jahrtausende lang fast ohne äußere Einflüsse entwickeln konnte, wurde durch die Weißen, die das Land seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eroberten, in ihren Grundfesten erschüttert und zerstört. Das Land wurde den Aboriginal-People genommen, Tausende wurden ermordet oder durch eingeschleppte Krankheitserreger getötet, ihre Kultur wurde nicht als Kultur wahrgenommen und schon gar nicht respektiert. Ganze Stämme wurden vertrieben, und später kam es zu einer verordneten Assimilierung. Ein besonders brutaler Versuch der Assimilierung wird erst seit Ende der 1990er Jahre von der australischen Gesellschaft aufgearbeitet: von den 1920er Jahren bis ca. 1970 trennten die Regierung und die christliche Kirche Tausende von Aboriginal-Kindern von ihren Eltern. Diese „gestohlene Generation“ wurde bei Pflegefamilien und in Missionsstationen untergebracht, ein Trauma für eine ganze Generation, die brutal entwurzelt wurde und gleichzeitig nie als gleichberechtigter Teil der weißen Gesellschaft eine Chance bekam. Bis heute ist das Verhältnis der weißen Australier und der Aboriginal-People belastet, die Geschichte seit der Kolonialisierung ist kaum aufgearbeitet und der soziale Status der Aboriginal-People ungesichert. Entwurzelung, Alkohol- und Drogenkrankheiten, soziale Ausgrenzung und Arbeitslosigkeit sind für viele Aboriginal-People auch heute noch Realität. Die Aboriginal-People führen in den meisten Fällen ein Außenseiterleben in einer von den Weißen dominierten Welt. Es gibt in den letzten Jahren zwar einige Ansätze für eine Veränderung, aber unendlich viel Wissen dieser Kultur ist für immer verlorengegangen.

Die Anfänge der zeitgenössischen Aboriginal Art – Die Papunya Tula Künstlervereinigung

Aboriginal Künstler beim Anfertigen eines Dotpaintings © Michael Aird

Aboriginal Künstler beim Anfertigen eines Dotpaintings © Michael Aird

1971 kam der Kunsterzieher Geoffrey Bardon nach Alice Springs und arbeitete dort mit Aboriginal-People zusammen. Er regte Aboriginal-Schulkinder an ihre „Groundpaintings“ auf Leinwand malen, um somit etwas Bleibendes zu schaffen und vielleicht einen Beitrag zu leisten, damit traditionelles Wissen weiter besteht. Mit den Erwachsenen arbeitete Bardon an einem 10 x 3 Meter großen Gemeinschaftsbild für die Fassade der Papunya-Schule, das traditionelle „Dreamings“ zeigte. Es wurde später im Auftrag des Bildungsministeriums weiß (sic!) übermalt –es war damals undenkbar, dass „Aboriginal Art“ an einem öffentlichen Gebäude zu sehen ist. Es entstand aber daraus eine Kunstbewegung und bald wurde die Papunya Tula Künstlervereinigung gegründet. Damit wurde eine Basis für die Fortführung der Traditionen durch die Malerei geschaffen, die gleichzeitig den Ausgangspunkt für Neues darstellte. Die sogenannte „Dot-Technik“ (Linien und Konturen bestehen aus kleinen Punkten, die mit Ästen oder Pinselstielen getupft werden), die aus der Körper- und Bodenmalerei stammt, wurde zu einem der Charakteristika von Aboriginal Art dieser Region. Die Idee der Künstlervereinigung breitete sich im Lauf der 1970er Jahre auf andere Gemeinschaften aus. Das war der Beginn der zeitgenössischen Aboriginal Art. Die Künstler setzen sich zwar weiterhin mit ihren traditionellen Praktiken auseinander, sie verwenden jedoch immer häufiger neue Materialien, neue Inhalte und neue Medien.

Mathaman Marika, Gunguyuma Dhamarrandji Marrana, ca. 1963 Natürliche Erdpigmente auf Eukalyptusrinde 114 x 61 cm © Sammlung Essl Privatstiftung  Fotonachweis: Graham Baring, Melbourne

Mathaman Marika, Gunguyuma Dhamarrandji
Marrana, ca. 1963
Natürliche Erdpigmente auf Eukalyptusrinde
114 x 61 cm
© Sammlung Essl Privatstiftung
Fotonachweis: Graham Baring, Melbourne

Aboriginal Art wird sowohl aus spirituellen und künstlerischen, als auch aus wirtschaftlichen und politischen Motiven gemacht. Die Medien reichen heute von Rindenmalerei, Malerei mit natürlichen Erdpigmenten bis hin zur Acrylmalerei, Photographie, Video- und Multi-Media-Objekten. Dabei gibt es ein weites Spektrum an Stilen, regionalen Einflüssen und Qualitäten – manche Aboriginal-People erzeugen auch Bilder ganz gezielt für den touristischen Verkauf. In den nördlichen Gegenden Australiens ist das Herstellen der Malmaterialien genauso wichtig wie der Akt des Malens oder die Auswahl der Motive: Das Ablösen der Rinde von Eukalyptusbäumen, das Vorbereiten auf dem Feuer, das Glätten zum Bemalen und das Gewinnen der Ockerfarben aus der Erde ist ein zentraler, arbeitsintensiver Prozess. In anderen Aboriginal-Gemeinschaften sind die Künstler freier in ihrer Arbeitsweise und in der Verwendung von Materialien – sie benutzen häufig Leinwände und Acrylfarben, sei es in Erdtönen oder in nicht traditionellen Farben. Aboriginal-Künstler verkaufen ihre Werke meist über die Culture Center, die Künstlergemeinschaften, aber auch über städtische Galerien. Einige Künstler nennen die kommerziellen Werke „reisende“ Bilder, da sie die Siedlungen verlassen.

Die Symbolik und der direkte Zugang zum Malen einer „Geschichte“ stammen ursprünglich von den Motiven der Höhlen-, Boden- und Körperbemalungen der Aboriginal People. Die Aboriginal Art basiert auf kultureller Tradition und ist von spiritueller Qualität und Beständigkeit gekennzeichnet; spezifische Symbole, Materialien und Zeremonien werden für die Bilder verwendet. Geschichten werden erzählt und nacherzählt, wobei sie sich durch das Wiedererzählen und durch die Rezeption verschiedener Generationen und Bevölkerungsgruppen verändern und erneuern. Aus diesen ererbten Traditionen und regionalen Einflüssen haben Künstlerinnen und Künstler im Laufe der Jahre ihre ganz eigenen Handschriften entwickelt. Sie benutzen zum Teil sehr frei die Dot-Technik, experimentieren mit dem Formenvokabular, reihen z.B. seriell Wasserloch an Wasserloch, mischen die klassische Vogelperspektive mit der Frontalansicht wie z.B. Queenie McKenzie Nakarra, oder kommen von der tradierten Bilderzählung in nur wenigen Jahren zu beeindruckender Abstraktion wie Emily Kame Kngwarreye. Diese Künstlerin hat im hohen Alter von über achtzig Jahren gezeigt, welche Kraft Malerei haben kann und wie eine Künstlerin, ausgehend von ihrem „Dreaming“, dem Wissen um die Yam-Wurzel, zu außergewöhnlichen zeitgenössischen künstlerischen Lösungen gelangen kann.

Heute, vierzig Jahre nach dem „Beginn“ der zeitgenössischen Aboriginal Art hat sich gezeigt, dass das große Potential dieser Kunst nicht nur in der von Weißen dominierten Gesellschaft Australiens gesehen wird, sondern auch international viel Beachtung bekommt. Weltweit wird Aboriginal Art gesammelt. Die großen Museen Australiens besitzen Sammlungen von Aboriginal Art, eigene Galerien und Museen wurden gegründet, heute ist diese Kunst scheinbar unverzichtbarer Bestandteil der australischen kulturellen Identität – wer hätte das zu Beginn der 1970er Jahre gedacht, es wäre unvorstellbar gewesen. Es hat also durchaus ein Paradigmen Wechsel stattgefunden. Auf die gesellschaftliche und soziale Situation der Aboriginal-People aber hat diese Entwicklung leider wenige Auswirkungen. Allerdings hat sich gezeigt, dass die Kunst sehr wohl sichtbare Zeichen setzen und die Lebenssituation der Künstlerinnen und Künstler verändern, vielleicht auch verbessern kann.

Urban Artists

Richard Bell, It wasn't me, 2003, © the artist, Foto: Mischa Nawrata, Wien

Richard Bell, It wasn’t me, 2003, © the artist, Foto: Mischa Nawrata, Wien

Richard Bell ist einer der momentan bekanntesten Aboriginal Artists, ein kritischer politischer Künstler, der sich mit der unaufgearbeiteten Geschichte und dem belasteten Verhältnis von weißen Australiern und Aboriginal-People beschäftigt. Für ihn besteht ein Grundproblem von Aboriginal Art allerdings darin, dass diese Kunst zwar von Aboriginal- People erzeugt, aber ausschließlich für Weiße gemacht wird – denn im Grunde genommen widerspricht der Gedanke etwas „Bleibendes“ als Kunst zu schaffen, das außerdem einen Marktwert besitzt, der Aboriginal Kultur diametral. Bell sieht sich viel mehr als sogenannter „Urban Artist“, der seine gesellschaftskritischen Inhalte in einer zeitgenössischen globalisierten Kunst-Sprache vermittelt, die im urbanen Kontext wahrgenommen wird.

Hier kommen wir zu einem Zwiespalt besonders von junger zeitgenössischer Arboriginal Art in den Städten, der sogenannten „Urban Art“. Je mehr sie sich von traditionellen Inhalten und Formen entfernt, je mehr der Alltag mit all seinen Problemen, aber auch (irdischen) Freuden die spirituellen Themen verdrängt, sich also oft Inhalte und ihre künstlerische Umsetzung ­zumindest bei jungen Urban Artists­ kaum von jenen weißer Künstler unterscheidet, desto verwechselbarer wird diese Kunst. Ein Großteil des Publikums erwartet aber von Aboriginal Art das Unverwechselbare, Spirituelle, die Erdfarben, die traditionellen Formen und Techniken, ein schwer zu lösendes Dilemma für diese junge Kunstrichtung. Vielleicht hat Emily Kame Kngwarreye als über achtzigjährige Künstlerin einen Weg aufgezeigt, bei den ganz eigenen Themen zu bleiben und mit unglaublicher schöpferischer Kraft sich weit über das ihr Bekannte hinauszuwagen – etwas, das gute Kunst immer ausgezeichnet hat.

Auszug aus dem Ausstellungsbegleiter zur Ausstellung ABORIGINAL ART.

Die Ausstellung ABORIGINAL ART ist vom 30. Jänner bis 16. August im Essl Museum zu sehen.

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