Peter Pongratz im Gespräch mit Günther Oberhollenzer

Er ist so hellwach, dass es fast erschreckend wirkt.
Aber das gehört zu ihm, weil er zu der Welt gehört, in der er lebt.
Was er malt ist nicht die Wirklichkeit, sondern die Wirkung dieser Wirklichkeit in ihm.

Peter Handke1

Peter Pongratz im Gespräch mit Günther Oberhollenzer, Kurator der Retrospektive Peter Pongratz im Essl Museum

Günther Oberhollenzer im Gespräch mit Peter Pongratz, Fotonachweis: © cédrickaub, Wien

Günther Oberhollenzer im Gespräch mit Peter Pongratz, Fotonachweis: © cédrickaub, Wien

GO
Ich habe ein sehr schönes Zitat gefunden: „Vom Zeitgeist werden Stil und Moden diktiert, was manchmal den Blick auf das Wesentliche verstellt.“

PP
Von wem ist der Satz?

GO
Von Ihnen!

PP
Hut ab!

GO
Was ist für Sie das Wesentliche in der Kunst, in der Malerei?

 

Peter Pongratz in seinem Atelier, im Hintergrund neue Arbeiten, die nun vollendet auch in der Ausstellung zu sehen sind. © Sammlung Essl, 2014

Peter Pongratz in seinem Atelier, im Hintergrund neue Arbeiten, die nun vollendet auch in der Ausstellung zu sehen sind. © Sammlung Essl, 2014

PP
Im Grunde ist jedes Bild eines Künstlers, oder zumindest eines Künstler, der malt wie ich, ein Selbstporträt. Es gibt nichts anderes. Wenn ein Bild einen Blumenstock zeigt, ist das ein Selbstporträt von dem, der es gemalt hat. Daneben ist alles, was die Malerei nicht direkt betrifft, nicht unbedingt notwendig – ob es z.B. dem Zeitgeist entspricht, ob es Mode ist oder nicht, ist eigentlich wurscht. Wichtig ist lediglich die Feststellung der malerischen Qualität. Das ist in Österreich, bei meinen Landsleuten, nicht ganz so einfach, die brauchen etwas, auf das sie ein Urteil abstützen können. Das halte ich für einen Quatsch. Zugegeben, die Qualität kann man nicht immer ganz einfach feststellen. Sie ist eine Sache des Gefühls. Natürlich kann man z.B. sagen, die Farbabstimmung ist nach klassischen Kriterien richtig oder falsch, schön oder hässlich, aber sie macht die Qualität eines Bildes nicht aus, ganz im Gegenteil, wenn es gar zu harmonisch ist, dann wird es auch fad. Analysieren allein genügt nicht, ich muss ein Bild lieben.

GO
Wenn über Kunst gesprochen wird, kommt man rational nur zu einem bestimmten Punkt, das ist dann der Moment, bei dem man nicht mehr mit Worten benennen, erklären kann, was einem an einem Werk anspricht. Doch gerade das ist das Schöne!

PP
Ich muss Ihnen gestehen, wenn mir ein Bild gefällt, kann ich in den seltensten Fällen genau sagen warum. Ich bin wirklich ein Bilderfreak. Mein Leben ist auf Bildern aufgebaut – das ist meine Form zu kommunizieren. Jetzt könnte man natürlich sagen, Kommunikation besteht darin, dass der B versteht was der A ihm erklären will, aber zwingend ist das nicht.

GO
Haben Sie als Künstler den Anspruch, Wahrheit zu zeigen?

PP
Wenn man als „Wahrheit“ das bezeichnet, was in mir steckt, dann hat es mit Wahrheit zu tun, aber im Prinzip ist mir die Wahrheit scheißegal.

Atelier von Peter Pongratz © Sammlung Essl, 2014

Atelier von Peter Pongratz © Sammlung Essl, 2014

GO
Geht es eher darum, authentisch zu sein?

PP

Authentisch passt schon eher. Es kann aber etwas authentisch sein, das völlig unwahr ist. Also z.B. die Tatsache, dass unsere Politiker irgendeine Meinung in Bezug auf den Ukraine-Krieg haben, die ist authentisch, aber wahr ist sie noch lange nicht. Solange es meine Wahrheit ist, bin ich an ihr interessiert. Ich male meine Wahrheit, und das bitte ich die Leute zu respektieren. Ob ihnen das dann gefällt oder nicht, ist eine ganz andere Frage.

GO
Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

PP
Aus den Dingen, die mich umgeben, die ich erlebe, die ich denke, die ich vor allem fühle. Da gibt es keine thematische Eingrenzung, das kann ein ganz privates Gefühl sein, aber ich kann auch fragen, wie es in der Politik ausschaut oder mit den armen Menschen, die kein Geld und nix zu Fressen haben. Das ist natürlich alles subjektiv. Das Wort subjektiv klingt aber immer mies, es bedeutet in der heutigen Kunst sehr häufig das Gegenteil von dem, das uns eigentlich interessiert.

GO
Aber das stimmt doch nicht! Eines der Wesenskriterien von Kunst ist doch, dass sie einen subjektiven Ausdruck hat.

PP
Natürlich ist das ein Blödsinn. Es gibt auch gar keinen anderen Ausdruck. Subjektiv ist halt nicht ganz einwandfrei. Wir wollen objektiv sein. Sie brauchen ja nur die Zeitung aufzuschlagen. Die glauben doch alle, dass sie objektiv sind. Ich kann aber nur das ausdrücken, was ich empfinde, was ich erlebt habe, was ich vor mir sehe.

Atelier von Peter Pongratz © Sammlung Essl, 2014

Atelier von Peter Pongratz © Sammlung Essl, 2014

GO
Bei Ihnen gibt es also eine starke Wechselwirkung zwischen dem Leben und der Kunst?

PP

Sie spielt eine große Rolle. Ich würde nicht behaupten, dass ich ein romantischer Mensch bin, der ich bin, wenn ich nicht sicher wüsste, dass Subjektivität die Form ist, mit der ich diese Romantik ausdrücken kann. Es hat ja einen Grund, warum ich mich für ozeanische Kunst, für prähistorische Kunst oder für Kindermalerei interessiere, weil da die Pflicht, sich „objektiv“ auszudrücken, nicht existiert. Auch Johann Hauser (ein österreichischer Maler des „Art Brut“, Anm.) hatte nicht die leiseste Ahnung von dem, was in der Kunst passiert, und genau das war seine große Qualität. Genauso ist es mit Kindern. Ich hab noch nie ein Kind gesehen, das sich auch nur die Bohne für den Picasso interessiert (naja, wenn man Kindern ein Bild von ihm zeigt, gefällt es ihnen meistens, weil sie ja nicht blöd sind, sie spüren das Starke darin). Das ist es, was ich will. Da kommen wir übrigens zur Authentizität zurück. Mich hat nicht das interessiert, was chic ist, sondern was authentisch ist. Wie malt einer, der keine Ahnung von Kunst hat? Also Subjektivität par excellence.

GO
Wenn Sie zu malen beginnen, passiert da viel spontan auf der Leinwand?

PP
So ist es. Dennoch mache ich mir oft genaue Pläne. Ich habe mir vor vielen Jahren ein Episkop gekauft (optisches Gerät zur Projektion von meist undurchsichtigen Medien, Anm.), damit ich mir meine Skizzen auf die Leinwand werfen und dann genau nachzeichnen kann. Das ist eine Heidenarbeit, zuerst muss ich Skizzen machen, diese verkleinern, damit ich sie in den Projektor reinbringe, dann projiziere ich sie auf die Leinwand und zeichne sie ab – bei großen Formaten krabbel ich auf Leitern herum, damit ich das alles ganz genau drauf kriege. Dann fange ich an zu malen und nach fünf Minuten ist das alles weg, innerhalb kürzester Zeit wird das Bild ganz anders. Trotzdem mache ich das gerne. Es ist die Angst vor der Leere, die ich auf diese höchst komplizierte Art und Weise zu unterbinden versuche. Das Spannende an der Malerei ist aber, gerade nicht das auszuführen, was man sich ausgedacht hat.

GO
Wenn Sie sich die Arbeiten der 1960er-Jahre bis heute ansehen, sehen Sie in Ihrem Werk eine Entwicklung oder eher eine Variation verschiedener Themen?

PP
Beides. Es gibt selbstverständlich eine Entwicklung und es gibt eine Form der Variation. Wenn ich mir denke, das berührt mich, dann möchte ich es machen, auch wenn es mit dem, das ich vorher gemacht habe, wenig oder gar nichts zu tun hat. Das hat ein bisschen mit Mut zu tun, ich traue mich das. Aber es schadet mir. Weil die Leute glauben, der stoppelt das alles zusammen. Doch wenn man einen größeren Überblick hat, dann sieht man, dass das alles ganz gut zusammenpasst.

GO
Mit der Werkserie „The Gentle Tasaday“ (1975-1981) zeigen Sie Ihr Interesse für Kunst und Kultur aus Südseeregionen.

Ausstellungsansicht Peter Pongratz © Sammlung Essl, 2015

Ausstellungsansicht Peter Pongratz © Sammlung Essl, 2015

PP
Den philippinischen Steinzeitstamm der „Tasaday“, der meine Inspiration war, hat es so nie gegeben.2 Doch das ist völlig egal, denn es geht um Grundsätzliches, um die Tatsache, dass Menschen einmal so gelebt haben. Ich habe dabei herausgefunden, dass mich die ozeanische Kunst mehr interessiert als die Kunst der Schwarzen in Afrika. Das habe ich einmal gegenüber Leo Navratil erwähnt (österreichischer Psychiater, der sich der Erforschung, Förderung und Würdigung der künstlerischen Ausdrucksformen von Patienten psychiatrischer Heilanstalten – insbesondere an der Landesnervenanstalt Maria Gugging in Niederösterreich – verdient gemacht hat, Anm.) und der sagte: „Das verstehe ich, weil die ozeanische Kunst aus einem ganz anderen Aspekt heraus produziert wird und der psychopathologischen Kunst wesentlich näher ist.“ Die afrikanische Kunst ist größtenteils eine geradezu klassizistische Kunst, die ozeanische hingegen nicht, sie kommt aus dem Whirlpool der Seele. Im Grunde sind deren Heiligenbilder unseren Jesuleinbildern sehr ähnlich, allerdings in mancher Hinsicht vielleicht die bessere Kunst. Das geht übrigens in vielfacher Hinsicht auf den Max Ernst zurück, den ich geliebt habe.

GO
In der Ausstellung ist auch eine Serie namens „Arkadien“ bzw. „Bucolica“ (2002-2010) zu sehen.

PP
Ausgelöst wurde das durch meine Aufenthalte in Dalmatien. In den 1950er-Jahren hat mein Vater meine Mutter, meine Geschwister und mich dorthin auf Urlaub geschickt. Das hat mir gut gefallen. Seit den 1980er-Jahren verbringe ich den Sommer immer auf der Insel Korčula in Süddalmatien. Wenn man dort lebt, setzt man sich irgendwann auch mit der Idylle – die ja von der Avantgarde häufig auch als Kitsch bezeichnet wurde – und den griechischen Mythen auseinander. Also habe ich Theokrit gelesen, ein großartiger Dichter, Vergil und Ovid, und ich beschäftigte mich mit Picasso, der nach dem Zweiten Weltkrieg eine Serie von Bildern zu diesen Themen gemalt hat, wie etwa Flöte spielende Faune. Das hat mir gefallen, und ich habe mir gedacht, das mache ich auch.

GO
Wir möchten einen Überblick über Ihre Arbeit in der Ausstellung geben, und um diese ungemeine Fülle an Arbeiten leichter zu fassen, haben sich Werkgruppen mit selbsterklärenden Titeln wie „Köpfe und Körper“, „Kinderlieder“ oder „Blumen“ ergeben. Doch es gibt immer wieder Serien zu sehr konkreten Themen, wie z.B. auch „Sweet Home Vienna“. Den Titel kann man wiederum als ironisch bezeichnen, oder?

PP
Er ist ironisch. Weil ich mich über die Wiener geärgert habe und zwar über Jahrzehnte.

GO
Können Sie erzählen, wie es zum Titel gekommen ist?

PP
Ich habe mich mein Leben lang mit Jazzmusik beschäftigt und sie auch selbst gemacht – und zwar gar nicht schlecht, mit ziemlich guten Musikern. Das ist eine Liebe, die in meinem Herzen ist. Ich komme aus einer Familie, in der Musik sehr wichtig war. Musiktitel oder Texte von Jazzsongs sind manchmal von einer unglaublichen Schönheit und Poetik. Irgendwann habe ich angefangen, Titel von Jazznummern für meine eigene Arbeit zu verwenden. Ein Titel wieSycamore Heaven >Back South“ ist einfach wahnsinnig schön und bezeichnet das Interesse, das ich damals am Süden ausdrücken wollte. Diese Titel finde ich meistens auf Jazzalben, so z.B. „Sweet Home Chicago“, eine klassische Nummer, die bis in die Rockmusik immer wieder verwendet worden ist. „Chicago“ hat drei Silben und das geht sich mit „Vienna“ gut aus.

Peter Pongratz, Fotonachweis: © cédrickaub, Wien

Peter Pongratz, Fotonachweis: © cédrickaub, Wien

GO
Abschließend gefragt: Was wünschen Sie sich von Ihrer Ausstellung im Essl Museum? Welche Reaktionen erhoffen Sie sich von den Besuchern?

PP
Warum malt man? Weil man sich ausdrücken will. Weil man das, was man empfindet, gerne festhalten will. Und man freut sich dann natürlich – bei Ihnen ist das interessanterweise stark der Fall – wenn einer sagt, ja ok, das verstehe ich, das ist für mich klar. Das bedeutet nicht, dass Sie gleich denken wie ich, aber Sie spüren, was ich will. Es gab eine Phase in meinem Leben, da habe ich betont, dass ich keine schönen Bilder malen will. Das stimmt nicht ganz. Ich will natürlich schöne Bilder malen. Aber mein Schönheitsbegriff ist nicht unbedingt identisch mit dem, was die Leute schön finden. Daher auch immer wieder dieses „Ausrutschen“ auf Blumenbilder und Heiligenbilder, weil ich weiß: Ihr Gfraster, ich werde euch schon erwischen … Ich glaube, wenn es eine gute Malerei ist, ist sie auch schön. Vollkommen egal, ob das jetzt auf etwas Hässliches oder Schönes, Gutes oder Böses zurückgeht. Einer der Gründe, warum ich mich immer mit psychopathologischer Kunst identifiziert habe und mir das auch immer gefallen hat, ist, weil man da Begriffe wie Schönheit und Hässlichkeit überhaupt nicht kennt. Ich empfinde meine Malerei aber als schön und habe mich immer bemüht, etwas als schön darzustellen, was im Allgemeinen nicht als schön galt. Wenn jetzt jemand – etwa in der Ausstellung – sagt, Herr Pongratz, mir gefällt das gut, dann freue ich mich.

GO
Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

PP
Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen.

Die Ausstellung Peter Pongratz. Eine Retrospektive ist noch bis 7. Juni 2015 im Essl Museum zu sehen.

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1 Peter Handke, Über Peter Pongratz, in: Peter Pongratz. soulpainting 1962-1997 (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Historischen Museum der Stadt Wien), Springer-Verlag Wien, New York, 1998, S. 25-27, hier S. 25 und 26.

2 Die Geschichte um die mutmaßliche Entdeckung der „Tasaday“- Menschen zu Beginn der 1970er-Jahre im philippinischen Regenwald ist inzwischen mehr von kommunikationswissenschaftlicher als von anthropologischer Relevanz. Bis auf wenige Wissenschaftler glaubte die internationale Öffentlichkeit, im philippinischen Regenwald sei im Juni 1971 ein Steinzeit-Stamm entdeckt worden. Die Fotos von mit Orchideenblättern bekleideten Menschen, die angeblich in Höhlen lebten, hatten von Anfang der 1970er-Jahre bis zum Ende der Marco-Diktatur das internationale Philippinen-Bild beherrscht. Der Journalist John Nance setzte mit seinem Buch „Die sanften Tasaday“ („The gentle Tasaday“, 1975) der Gruppe ein Denkmal. Der Schweizer Journalist und Ethnologe Oswald Iten enthüllte 1986 jedoch das Ganze als Schwindel.

2 Antworten zu “Peter Pongratz im Gespräch mit Günther Oberhollenzer

  1. ihr solltet die Bildunterschrift korrigieren: GÜNTHER OBERHOLLENZER (-> Peter Pongratz) im Gespräch mit Kurator Günther Oberhollenzer, Fotonachweis: © cédrickaub, Wien

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