Mein Nachbar der Flüchtling – Begegnungen im Offenen Atelier des Essl Museums

Das offene Atelier am Freitag nachmittag im Essl Museum

von Andreas Hoffer und Mela Maresch

Ein gemeinsames Projekt der Kunstvermittlung Essl Museum, dem Projekt Kompa der Caritas Wien, der Bürgerinneninitiative Klosterneuburg hilft und den in der Magdeburgkaserne Klosterneuburg untergebrachten Flüchtlingen. Ziel dieses Projekts ist es, das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in Österreich zu verbessern, Barrieren abzubauen und das Kennenlernen zu ermöglichen.

© Essl Museum, Klosterneuburg, 2015

© Essl Museum, Klosterneuburg, 2015

Die Kunst und das Kreativsein in der Gruppe ist dabei das verbindende Element. Das Essl Museum ist für alle Teilnehmenden ein neutraler,  unbelasteter aber auch ästhetischer Raum, der offen ist für neue Begegnungen.

Das Offene Atelier als Begegnungsraum
Das Essl Museum dient als Raum der Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Jeden Freitagnachmittag öffnet sich das Offene Atelier für Flüchtlinge, BürgerInnen und BesucherInnen zum Kennenlernen, Austauschen, wie auch zur gemeinsamen Kunstbetrachtung und künstlerischen Arbeit. Die jeweiligen Inhalte, Methoden und künstlerischen Techniken werden vom Vermittlungsteam für die Termine konzipiert und der jeweiligen Situation angepasst, dabei spielt die Überwindung von Sprachbarrieren eine große Rolle – Kunst, Musik und Bewegung können dabei helfen. Jeder Nachmittag steht unter einem anderen Motto, z.B. Bildlexikon, Syrien, Afghanistan, Kraftsymbole, Kunst in Bewegung, Musik, etc. Ein wichtiger Teil ist die Kaffeepause als Platz für den gemeinsamen Austausch. Die Jause wird von KlosterneuburgerInnen bereitgestellt.

© Essl Museum, 2015

© Essl Museum, Klosterneuburg, 2015

Ein Freitagnachmittag im Essl Museum
Um 13:00 Uhr wird im Atelier Kaffee gekocht. Die Tische für die Jause werden aufgestellt. Im Atelier werden Papierbögen, Gouachefarbe und Pinsel vorbereitet. Um kurz vor 14:00 Uhr kommen die ersten KlosterneuburgerInnen zum Helfen. Sie wissen von der Facebookseite Klosterneuburg hilft schon das heutige Thema: Malen mit Musik. Oben in der Ausstellung >Neue wilde Kunst< bereiten die Kunstvermittler Mela Maresch und Andreas Hoffer die Musik- und Percussion Instrumente vor. Margerita Piatti und Tamim Nashed  von Kompa holen die Flüchtlinge von der Magdeburgkaserne ab. Im Atelier werden die Ankömmlinge von den KlosterneuburgerInnen erwartet. Viele kennen sich schon und begrüßen sich herzlich. Dann gehen alle gemeinsam in den zweiten Stock des Museums in die Ausstellung NEUE WILDE und setzten sich in einem großen Kreis zusammen. Die KunstvermittlerInnen stellen die Ausstellung kurz vor. Das dauert lange, weil alles von Deutsch, auf Englisch, Persisch und Arabisch oder Farsi übersetzt wird. Alle sollen sich dann ein Bild aussuchen, über das sie etwas mitteilen wollen. Als Gruppe schauen wir uns dann gemeinsam Bilder an.

IMG_0854

© Essl Museum, Klosterneuburg, 2015

Ein junger Mann hat ein Bild von Alois Mosbacher gewählt, auf dem ein Wandersmann mit einem Stock unterwegs ist und man sieht Teile des Eiffelturms und des Kölner Doms im Hintergrund. Der junge Mann aus Afghanistan zeigt auf die Figur des Wanderers. Auch er ist von weit her gekommen. Der Wanderer als Archetyp, als einer der auf dem Weg ist, scheint ihm vertraut. Alle im Raum können das verstehen auch ohne viel Sprache. Ein zweiter Mann wählt ein Werk vom selben Künstler. Es zeigt eine Figur, die ihre Hände in die Höhe hält. Der junge Mann erklärt, dass diese Figur für ihn zu Gott betet, so wie er das auch tut. Die bestimmende Form in einem abstrakten Gemälde von Hubert Scheibl erinnert einen Flüchtling an seine Heimat Palästina. Nach den Bildbetrachtungen sammelt sich die Gruppe vor einer vierteiligen Werkserie von Gunter Damisch. Es handelt sich um intensivfarbige Bilder mit dickem Farbauftrag und figurenartigen Bildelementen. Diese Bilderserie bringen wir als Gruppe zum Klingen. Jeder/e nimmt sich ein Instrument und testet den Klang. Dann beginnen wir mit dem ersten Bild. Es entsteht ganz spontan ein kurzes Klangkunstwerk. Auch die weiteren Bilder werden vertont. Beim letzten Bild hat sich die Gruppe schon gut aufeinander eingestimmt. Es klingt am Schönsten und Differenziertesten.

© Essl Museum, Klosterneuburg, 2015

© Essl Museum, Klosterneuburg, 2015

Nach diesem gemeinsamen Erlebnis beginnt ein junger Afghane mit einem „Regenmacher“ (ein altes chilenisches Instrument) zu tanzen. Es bildet sich sofort ein Kreis um ihn. Viele fangen an zu klatschen. Der Tänzer beeindruckt alle mit seinem akrobatischen Können und mit einem starken kraftvollen Tanz. Alle klatschen am Schluss und die Gruppe ist begeistert. Dann verlagert sich alles ins Atelier, wo die Klangerfahrungen in farbige Kompositionen übertragen werden. Hier warten die Farben, aber auch der Kaffee. Es bilden sich Gruppen an den Maltischen. Manche nehmen Platz und fangen gleich an zu malen, andere wiederum gönnen sich erst noch eine kleine Pause mit Kaffee. In dieser Phase findet viel, teilweise auch nonverbaler Austausch statt.  Es werden persönliche Gespräche geführt und Kontakte geknüpft. Wieder ergibt sich etwas ganz spontan. Ein kurdischer älterer Mann steht auf und fängt an zu singen. Es ist ein altes, trauriges, kurdisches Kinderlied. Es geht um Sehnsucht nach einem geliebten Menschen. Alle hören zu. Die Melodie und die Sprache berühren sehr, auch wenn man die Worte nicht verstehen kann. Die Trauer und der Schmerz des Sängers werden für alle im Raum spürbar. „So viel Sehnsucht“, sagt eine Klosterneuburgerin und schaut dem kurdischen Mann nach, der das Atelier kurz verlässt. Kurz vor 17:00 Uhr sind die meisten Bilder gemalt und einige wollen gehen. Die Verabschiedung beginnt mit Händeschütteln, Schulterklopfen und dem Versprechen am nächsten Freitag wieder zu kommen. Auch der kurdische Sänger will wieder kommen und für alle singen. Er ist nicht mehr beim Offenen Atelier erschienen. Er wurde nach Bulgarien abgeschoben.

 

IMG_0859

© Essl Museum, Klosterneuburg

Das Offene Atelier kennenlernen
Das zuerst nur von Februar bis Ende Mai 2015 geplante Projekt wird nun, da in der Kaserne Klosterneuburg auch weiterhin Flüchtlinge aufgenommen werden weitergeführt. Das Offene Atelier hat sich in dem ersten halben Jahr zu einem Fixpunkt der Begegnung entwickelt, oft kommen Flüchtlinge auch schon vor Beginn des Termins. An jedem Freitag können neue menschliche und auch ästhetische Erfahrungen gemacht werden.
Alle an Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft Interessierte, sind eingeladen am Offenen Atelier im Essl Museum aktiv teilzunehmen. Alle können sich in verschiedensten Weisen einbringen, das kann inhaltlich sein, oder durch das Mitbringen von Mehlspeisen, durch aktive Unterstützung der Flüchtlinge bei Alltagsproblemen, durch das Abholen der Flüchtlinge oder durch unterstützende Hilfe der Kunstvermittlung. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, die Teilnahme am Offenen Atelier ist frei, um Anmeldung wird gebeten.

Offenes Atelier: FR, 14.00 – 17.00, Eintritt frei!
Anmeldung: T: 02243 / 370 50 150, E: info@essl.museum

30664b5a603285b6734db651548f9e7f

Foto: cédrickaub © Essl Museum

Die Kunstvermittlung im Essl Museum freut sich auf Ihr Kommen!
Lucie Binder-Sabha, Andreas Hoffer, Mela Maresch, Maria Theresia Moritz und Adelheid Sonderegger

Eine Antwort zu “Mein Nachbar der Flüchtling – Begegnungen im Offenen Atelier des Essl Museums

  1. Pingback: no-auto-meditation | detoxing my life·

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s