Helden im Untergrund – die Schatzhüter der Sammlung Essl

Im Zuge der Ausstellung Deutsche Kunst nach 1960 hat Volontär Clemens Woerner seine Nase in die tiefsten Winkel des Museums gesteckt. Dabei ist er auf die heimlichen Helden der Sammlung gestoßen, die ihre schützende Hand über die Werke halten.

Abseits vom geschäftigen Museumsbetrieb, tief im Bauch des Hauses verrichten, oft von den Besuchern und manchmal auch den anderen Mitarbeitern unbemerkt, die Helden im Untergrund des Essl Museums ihre Arbeit.

Hier im Atelier der Restaurierung (ganz wichtig: Nicht Restauration! Dieser Wortfehler erntet entsetzte Blicke) wird im Moment ein Ausstellungsstück für die Ausstellung Deutsche Kunst nach 1960 auf Vordermann gebracht. Wie auch alle anderen der 134 Werke der Ausstellung muss sich dieses Gemälde von Markus Lüpertz den prüfenden Blicken der Restauratorinnen unterziehen. Die finden diesmal nur ein paar kleinere Schäden: Ein paar Beulen in der Leinwand wollen ausgebeult und zarte Kratzer in der Farbe retuschiert werden. Auch der etwas mitgenommene (Original-)Rahmen wird gereinigt und an den abgenutzten Ecken ausgebessert.

(c) Clemens Woerner

(c) Clemens Woerner

Skurril: Aus einem bestimmten Winkel betrachtet sieht die Farbe des Holzes gepunktet aus – Spuren einer gut gemeinten Luftpolsterfolie. Der Zahn der Zeit ist nur einer der wenigen, die an einem Kunstwerk nagen können. Welche Einflüsse einem Werk auch zusetzen mögen, die Restauratorinnen beschützen es vor allen so gut es geht. Was vielleicht logisch scheint – eine stoßsichere Verpackung für ein Gemälde zum Beispiel – kann wie hier wegen fehlenden Fachwissens mehr Schaden als Schutz bewirken. Damit für die Kunst eine artgerechte Haltung gewährleistet ist, müssen die Restauratorinnen alles Erdenkliche wissen: Chemie, Kunsttheorie (zu Technik und Geschichte) und Details des praktischen Arbeitens – ein wissenschaftliches Kunsthandwerk also, gewürzt mit ein paar Verwaltung- und Dokumentationssaufgaben (so will zum Beispiel jeder Schaden und jede Reparatur dokumentiert werden).

Ein paar Beulen in der Leinwand wollen ausgebeult  werden(c) Clemens Woerner

Ein paar Beulen in der Leinwand wollen ausgebeult werden (c) Clemens Woerner

Es gibt zum Glück viele Künstler und wenig Normen in der Welt der Kunst, was der Restaurierung unterschiedlichste Herausforderungen beschert. Wenn ein Aboriginee-Künstler seine Farben nicht bei Boesner holt sondern mit Erdpigmenten selbst mischt und anstatt auf eine Leinwand auf ein Stück Baumrinde aufträgt, dann muss man auch damit umgehen können.

In diesem Zusammenhang ein Rätsel:

Du hast bei einer Auktion einen Kopf aus gefrorener Kokosmilch erstanden und möchtest gerne länger als einen Nachmittag etwas davon haben. Was tun?

Die Antwort wie folgt: Kauf eine handelsübliche Tiefkühltruhe, stell das zu bewahrende Kunstwerk hinein und gib das Ganze in die wachsame Obhut der Restauratorinnen.

Manchmal ist der einfache Weg auch der Beste.

(c) Clemens Woerner

(c) Clemens Woerner

Ein bisschen Anwalt für die Kunstwerke ist das Team auch. Das heißt oft, die unbeliebte Entscheidung durchzusetzen, ein Werk nicht auszustellen. In der Restaurierung wird den Bildern eine Stimme gegeben, die quasi in ihrem Interesse spricht.

Wenn also ein paar Gewichte auf die Arbeit eines deutschen Malers gelegt werden, um besagte Beulen zu vertreiben, dann ist das nur einer von unzähligen Schritten, die in der Pflege und Erhaltung der Sammlung unternommen werden und werden müssen. Mit scharfem Blick und einer riesigen Sammlung an Wissen, Werkzeug und Chemikalien arbeiten Ute Kannengießer, Magdalena Duftner und Elisabeth Schlegel im Stillen als kleines, aber umso wichtigeres Rad im Getriebe des Museums.

Text und Bilder: Clemens Woerner

Mehr über die Arbeit der Restaurierung sowie zahlreiche Publikationen zu Konservierung und Restaurierung finden Sie auf der Website des Essl Museums.

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