„Ich liebe es, mit Sprache zu spielen…“ Thomas Perle im Interview

Am 7. Oktober liest die literarische Neuentdeckung Thomas Perle im Rahmen der Literarischen Duette gemeinsam mit Bernd Schuchter im Essl Museum seinen neuen Text „wir danken der partei“. 2013 gewann er mit seinem Kurztext „wir gingen weil alle gingen“ den Exil-Literaturpreis, 2014 war er Writer in Residence im Loisium im Rahmen der Nachwuchsautorenförderung des ORF III, kürzlich erhielt er das Startstipendium des Bundes. Aktuell inszeniert er sein erstes Theaterstück „europas töchter“ beim Kurztheaterfestival mimamusch.

Das Interview führte Barbara Royc, Essl Museum.

Thomas Perle (c) Michaela-Stout

Thomas Perle (c) Michaela-Stout

Barbara Royc: 2013 hast du den Exilliteraturpreis für deinen Text „wir gingen weil alle gingen“ erhalten. Darin beschreibst du die Flucht eines jungen Mädchens mit ihrer Familie aus Rumänien vor dem Hintergrund der rumänischen Revolution. Auch du bist 1991 von Rumänien nach Deutschland emigriert, als ganz kleines Kind. Wie autobiographisch ist dein Text?

Thomas Perle: Mein Text ist semibiografisch. Es war mir schon immer ein Anliegen unsere Geschichte für spätere Generationen festzuhalten. Nur war ich bei unserer Emigration gerade eimal drei Jahre alt und kann mich nur kryptisch an vieles erinnern, weshalb ich die Perspektive meiner damals neunjährigen Schwester gewählt habe. Sie ist das Vorbild für meine Hauptfigur in dem Text. Natürlich ließ ich beim Schreiben meiner Fantasie freien Lauf und habe einige Dinge dazuerfunden, spannende Erlebnisse aus anderen Biografien meiner Umgebung eingearbeitet, um somit einen runden Text zu Papier zu bringen.

BR: Du bist mehrsprachig aufgewachsen. Schreibst du nur in Deutsch oder auch im Rumänisch und Ungarisch? Gibt es so etwas wie eine literarische Erstsprache für dich?

TP: Ja, meine Muttersprachen sind Deutsch, Rumänisch und Ungarisch und mit diesen drei Sprachen wird in meiner Familie ganz natürlich umgegangen. So spreche ich zum Beispiel mit meiner Mutter Deutsch, mit meinem Vater Ungarisch und sie untereinander Rumänisch. Ebenso selbstverständlich wird in meinem Heimatort, Oberwischau, mit den drei Sprachen umgegangen und mit jeder Person verbinde ich eine dieser drei Sprachen, was sich auch beim Schreiben abzeichnet. In erster Linie schreibe ich auf Deutsch, doch wenn ich für den entstehenden Roman Dialoge schreibe, habe ich zu jeder Person ihre Sprache im Kopf und versuche es genauso in meinem Werk einfließen zu lassen. Ich liebe es mit Sprache zu spielen, denn jede hat ihre eigene Schönheit und verbirgt eine eigene Kultur dahinter.

BR: Eigentlich kommst du ja aus dem Theaterbereich, hast in der Dramaturgie und als Regieassistent gearbeitet. Du schreibst Prosa, aber auch Dramatik. Hat deine Beschäftigung mit dem Theater dein Schreiben beeinflusst?

TP: Mein Preistext wir gingen weil alle gingen. war ursprünglich als Monolog für das Theater gedacht. Man kann also sagen, ich kam über die Dramatik zur Prosa. Nachdem ich den exil-Litarurpreis gewonnen habe, widmete ich mich intensiver der Prosa und baue nun wir gingen weil alle gingen. zu meinem Debütroman aus.
Nichtsdestotrotz bleibe ich natürlich dem Theater treu und schreibe derzeit bei den Wiener Wortstätten an meinem dritten Theaterstück.

BR: Vor wenigen Tagen, am 2. Oktober hatte dein erstes Theaterstück Uraufführung im Rahmen des Kurztheaterfestivals mimamusch im Ragnarhof. Dabei hast du nicht nur den Text für europas töchter verfasst, sondern führst auch selbst Regie. Wie war es für dich dein Theaterstück auch selbst inszenieren zu können?

Europas Töchter, mimamusch Kurztheaterfestival 2015,Foto: Peter F. Kupfer

Europas Töchter, mimamusch Kurztheaterfestival 2015,Foto: Peter F. Kupfer

TP: Es war ein regelrechter Spagat und ich nahe der Schizophrenie. Als Autor hat man schon beim Schreiben ein bestimmtes Bild der Szene, die Art und Weise wie etwas gesprochen wird, sowie wo ein Witz, wo Ernst drin steckt, im Kopf. Als Regisseur muss man das auf die Bühne übertragen, wo andere Energien herrschen und von den Schauspielerinnen tolle Ideen kommen, die teilweise von den erdachten, zu Papier gebrachten, abweichen.
Dabei muss man den Autor völlig abschalten und den Regisseuren werken lassen. Jedoch war es äußerst hilfreich gleichzeitig Autor zu sein, sodass ich Dinge gleich umschreiben konnte, wenn ich als Regisseur merkte, dass etwas auf der Bühne so nicht funktionierte. Plötzlich stand dann meine Uraufführung und gleichzeitiges Regiedebüt auf der Bühne und beide, sowohl Autor als auch Regisseur, sind unglaublich glücklich mit dem Ergebnis, welches man sich den ganzen Oktober jeden Freitag und Samstag im Ragnarhof ansehen kann.

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Thomas Perle liest am 7. Oktober um 19.00 Uhr im Rahmen des Literaturprogramms im Essl Museum.

Sein Theaterstück europas töchter ist jeden Freitag und Samstag bis einschließlich 31.Oktober 2015 beim Kurztheaterfestival mimamusch im Ragnarhof in Ottakring zu sehen. Bei mimamusch spielen 15 Ensembles Variationen zum Thema „Die Geister, die wir brauchen“. Konzerte von Elektro Guzzi, Stereo Total und Fatima Spa ergänzen das Theaterprogramm.

 

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