Im Terpentinwald: Gespräch mit Johanna Kandl zur neuen Ausstellung im Essl Museum

Am 25. Juni 2015 traf Günther Oberhollenzer die Künstlerin Johanna Kandl in ihrem Wiener Atelier. Vor dem Hintergrund der neuen Arbeiten, in denen sich Kandl mit Grundmaterialen der Malerei wie Terpentin, Gummi arabicum, Mastix oder Leinöl auseinandersetzt, entwickelte sich ein reges Gespräch über Grundfragen der Malerei, über vermittlerische Aspekte in den neuen Werken, aber auch über ihre Rolle als gesellschaftskritische Künstlerin und dem Interesse an ökonomischen Markt- und Handelsstrukturen.

Günther Oberhollenzer und Johanna Kandl im Gespräch im Wiener Atelier der Künstlerin, Foto: Eva Köhler

Günther Oberhollenzer und Johanna Kandl im Gespräch im Wiener Atelier der Künstlerin, Foto: Eva Köhler

GO: Ihre Malerei wird in der Kunstkritik gern als „narrativer Realismus“ bezeichnet. Können Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?

JK: Narrativ stimmt, ich erzähle eine Geschichte. Realismus kann man auch sagen.

GO: Ich habe Schwierigkeiten damit, da er meiner Meinung nach Ihre Malerei zu einseitig definiert. Die Bilder sind nicht nur realistisch. Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Malern, die auf von Massenmedien produzierte Bilder zurückgreifen und diese bearbeiten, setzen Sie sich mit gesellschaftlichen Begebenheiten auseinander, die Sie selbst erfahren haben. Gerade das empfinde ich aber als eine große Qualität: In Ihrer Malerei zeigen Sie subjektive Erfahrungen, gebündelt mit kritischen gesellschaftlichen Fragestellungen, die über das Erlebte hinausgehen.

JK: Das stimmt auf alle Fälle. Ich versuche, den Mikro- und den Makrokosmos zusammen zu sehen. Es sind kleine Erzählungen, aber sie sagen auch etwas über die Weltökonomie aus.

GO: Meinen Sie damit, dass man von dem Marktplatz, der Kleinökonomie, die Brücke zu den Banken, dem großen Kapital schlagen kann?

JK: Ja. Beim Projekt für die Ausstellung, den Malmaterialien, könnte man glauben, das sei das langweiligste Thema der Welt. Wenn man aber einsteigt, ist es nicht mehr langweilig. Anbau und Verkauf des Gummi Arabicums ist ein höchst politisches Thema. Ich war in Tunesien, in einem kleinen Dorf namens Bir Salah. Dort versuchen eine junge Frau, Sarah Toumi und ihr Mann Khalil, Gummi arabicum–Bäume (also Acacia Senegal) zu setzen, um der dortigen Trockenheit entgegenzuwirken. In diesem winzigen Labor Bir Salah zeigt sich die ganze Dramatik der Region: Das Fortschreiten der Wüste ist ja nicht nur dort so, sondern überall. Auch den Versuch, sich durch Anbau von anderen Nutzpflanzen zu retten, gibt es an vielen Orten.

Johanna Kandl, Gummi Arabicum wird aus der Rinde, 2015, Gummi Arabicum, Gummi Arabicum Stücke und Tempera auf Leinwand, 150 x 100 cm, Courtesy die Künstlerin, Foto: Helmut & Johanna Kandl

Johanna Kandl, Gummi Arabicum wird aus der Rinde, 2015, Gummi Arabicum, Gummi Arabicum Stücke und Tempera auf Leinwand, 150 x 100 cm, Courtesy die Künstlerin, Foto: Helmut & Johanna Kandl

GO: In der Ausstellung geht es um Grundstoffe der Malerei wie Terpentin, Gummi arabicum, Mastix, Perlleim oder Leinöl. Was hat Sie bewogen, sich vertiefend mit diesen Malmaterialien und Grundstoffen auseinanderzusetzen?

JK: Es gibt vier autobiographische Gründe: Ich fange mit dem ältesten an. Da oben hängt die Farbhandlung (Johanna Kandl zeigt auf das Bild Farbhandlung). Meine Eltern hatten in der Brünner Straße im 21. Wiener Gemeindebezirk eine Farbenhandlung. Mein Vater hat auch seine eigene Farbe erzeugt mit dem Namen Resistenta. Sie hat sich nicht lange gehalten. Das Geschäft auch nicht. Ich bin mit Stoffen, wie Kalk oder Reisstärke, aufgewachsen. Vieles war noch nicht verpackt, sondern wurde offen verkauft. Eine schöne Welt, die Farben, die Gerüche haben mich fasziniert.

Johanna Kandl, O.T. (Farbhandlung), 2009, Tempera und Ölfarbe auf Leinwand, 115 x 150 cm , Courtesy die Künstlerin, Foto: Farid Sabha, Wien

Johanna Kandl, O.T. (Farbhandlung), 2009, Tempera und Ölfarbe auf Leinwand, 115 x 150 cm , Courtesy die Künstlerin, Foto: Farid Sabha, Wien

Bevor ich Malerei studiert habe, habe ich Restaurierung studiert, die Farbstoffe, die Pigmente und ihre Geschichte haben mich immer sehr interessiert.

Dann war ich acht Jahre Professorin für Malerei an der Universität für angewandte Kunst Wien und habe gesehen, dass die Malmaterialien und ihre Geschichte leider kaum mehr gelehrt werden. Eine Mitarbeiterin hat einmal gesagt: „Das alles kann man beim Boesner (Geschäft für Künstlermaterialien, Anm.) kaufen.“ Auf einer Uni sollte man aber wenigstens von der Geschichte der Malmaterialien gehört haben, denn das sind hochinteressante Dinge.

Die vierte Erfahrung hat mit dem Umbau unseres Hauses hier in Wien zu tun. Ich habe bemerkt, dass sich in den letzten dreißig Jahren die Bautechnologie stark geändert hat, dass die klassischen Baumaterialien vollkommen vom Markt verschwunden sind. Die Leute nehmen nur mehr Fertigsachen. Wie wird z.B. Löschkalk hergestellt und damit gearbeitet? Die Bauarbeiter wissen das nicht mehr. Das ist ein großer Verlust. Deshalb mache ich eine Arbeit über Malmaterialien, weil auch sie verschwinden. Man sollte ein bisschen etwas über sie erfahren, denn sie tragen poetische Erzählungen in sich.

Johanna Kandl, Terpentin 2, 2014, Terpentin, Tempera, Papiercollage, 70 x 50 cm, Courtesy die Künstlerin, Foto: Helmut & Johanna Kandl

Johanna Kandl, Terpentin 2, 2014, Terpentin, Tempera, Papiercollage, 70 x 50 cm, Courtesy die Künstlerin, Foto: Helmut & Johanna Kandl

GO: Sie beschäftigen sich mit den unsichtbaren Malstoffen. Wieso haben Sie sich gerade für diese entschieden und nicht zum Beispiel für die Farben?

JK: Weil sie unsichtbar sind, das find ich besonders schön.

GO: Auch weil sie noch weniger bekannt sind?

JK: Die Unsichtbaren sind fast noch spektakulärer, z.B. das Terpentin ist eine wunderbare Sache, da kann man stundenlang darüber reden. Es wird im Süden von Wien von Föhren (Pinus Nigra Austriaca) gewonnen. Man sieht diese alten Bäume, wie sie so dastehen und für das Pechern angeschnitten werden. Das sieht aus, als ob Hexen durch den Wald gegangen wären und hat auch etwas Erotisches. Außerdem gibt es, mit Ausnahme des Terpentins, eine spannende Überschneidung mit unseren Nahrungsmitteln: Das Gummi arabicum ist einer der interessantesten Stoffe, es dient als Bindemittel für das Aquarell, daneben hat es aber einen riesigen Markt, weil es in allen Softdrinks oder auch vielen Medikamenten enthalten ist.

GO: In den neuen Bildern geht es viel um Materialität. In einer anderen Weise ist das aber auch bei anderen Bildern der Fall – hierzu fällt mir z.B. das Bild O.T. (Medjugorje) ein…

JK: Bei O.T. (Medjugorje) verwendete ich eine ungrundierte, nur geleimte Leinwand, sodass die lockere Malerei einen durchscheinenden Effekt hat. Es ist ein eigenartiges Bild. Grundlage ist ein Marktstand mit lauter Heiligenfiguren. Ich habe mich wegen eines Projekts in Herrnbaumgarten (NÖ), das ich gemeinsam mit Helmut (Anm. Ehemann Helmut Kandl) gemacht habe, mit Wallfahrtsorten auseinandergesetzt. Mich hat speziell die religiöse Fragestellung aber auch künstlerische Fragestellung interessiert: Wann ist der Punkt erreicht, bei dem eine Ware zum auratischen Objekt wird?

Johanna Kandl, O. T. (Medjugorje), 2008, Tempera auf Leinwand, 270 x 360 cm, Courtesy Niederösterreichisches Landesmuseum, Foto: Helmut & Johanna Kandl

Johanna Kandl, O. T. (Medjugorje), 2008, Tempera auf Leinwand, 270 x 360 cm, Courtesy Niederösterreichisches Landesmuseum, Foto: Helmut & Johanna Kandl

GO: Eine schöne Frage.

JK: Man muss dem Ganzen keinen religiösen Schwanz anhängen, das ist grundsätzlich interessant.

GO: In der Kunst ist es ähnlich: Wann ist die Malerei mehr als nur Farbe oder Leinwand?

JK: Ja, genau. Auch sehr religiöse Menschen wissen, dass diese Madonnen von Menschen gemacht sind. Und trotzdem, wenn sie da stehen, sind sie ein verehrungswürdiger Gegenstand. Man traut sich auch nicht sie wegzuwerfen, wenn sie kaputt sind. Ich kann mich noch erinnern, irgendwann ist bei uns eine Madonna herunter gefallen, und wir haben sie im Garten vergraben. Das Materielle und das Immaterielle spielt in der Religion grundsätzlich eine wichtige Rolle, man denke nur an die Wandlung des Brotes zum Leib Christi bei der Eucharistiefeier.

GO: Das Materielle spielt in Ihren Bildern aber auch sonst eine große Rolle. Sie zeigen oft öffentliche Räume, wir sehen Märkte, es wird Handel betrieben, Waren werden gegen Geld getauscht…

JK: Was für andere Künstler der Sex, ist für mich der Handel. Bei jedem Menschen gibt es ein Kindheitstrauma. Der eine ist vom Vater geschlagen worden, bei dem anderen ist die Mutter früh gestorben. Bei uns ist das Geschäft gestorben. Das war und ist ein Trauma. Das ist schrecklich, wenn du merkst, heute ist ein schlechter Geschäftstag, alle sind grantig… Das ist echt schlimm. Wahrscheinlich interessiert es mich deswegen so.

GO: Das vielleicht Subversive an den Arbeiten ist, dass Sie Ihre Kritik an bestehenden Systemen gerade durch das Kleine zeigen. Wir sehen keine großen Banken oder Konzerne, also nicht das, was man klischeehaft mit kapitalistischen Strukturen verbindet, sondern sie gehen in diese kleinen Strukturen, wo der Handel vielleicht funktioniert, aber sich gleichzeitig auf prekärem Niveau bewegt, dass er oft kurz vor dem Scheitern steht.

JK: Das ist das, was mir näher ist. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

GO: Ihre Kritik äußert sich vor allem durch Texte, die Sie in die Bilder setzen.

JK: Oft stammen die Texte aus Managementbüchern. Es gibt aber auch Texte, die rein beschreibend sind – etwa wenn ich den Ort des Bildes angebe. Manches wird auch zitiert, z.B.: „In einer Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter anderem auch malen.“ Das ist ein Zitat von Karl Marx. Es gibt heute eine Form von Deprofessionalisierung in der Kunst. Ich sehe das leider bei jungen Leuten: Zuerst jobben sie, dann tun sie ein bisschen malen und dann machen sie was anderes. Ich möchte wirklich jemanden sehen, der sich den Blinddarm herausnehmen lassen will von einem Arzt, der am Tag kellnert und in der Nacht eine Stunde operiert. Es hat damit zu tun, dass man zu wenig Selbstbewusstsein hat oder sich zu wenig zutraut. Die Kunst versteckt sich. Ich weiß schon, dass es Kunst im öffentlichen Raum gibt, aber sie ist nicht selbstbewusst genug.

Die Künstlerin in ihrem Atelier, Foto: Farid Sabha

Die Künstlerin in ihrem Atelier, Foto: Farid Sabha

GO: Ihre Bilder haben etwas sehr Erzählerisches, sie sind aber doch in vielerlei Hinsicht interpretierbar. Wie würden Sie sich wünschen, dass die Besucher der Ausstellung auf Ihre Werke zugehen, sie betrachten?

JK: Natürlich wünsche ich mir, dass über die Inhalte der Ausstellung geredet wird, dass es den Besuchern Spaß macht, sich die Werke anzusehen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Es würde mich freuen, wenn z.B. manche Künstler ihr Material wieder bewusster einsetzen und mehr darüber nachdenken, was sie verarbeiten, oder wenn Kunsthistoriker darüber nachdenken, was Menschen überhaupt verwendet haben, um Kunstwerke zu schaffen. Ein Kunstwerk hat einen materiellen Boden mit Geschichte. Wenn Leute Bilder von den eingeschnittenen Terpentinbäumen ansehen und erfahren, dass das Baumschneiden bis in die 1970er Jahre ein Beruf war, der recht weit verbreitet war, angeblich nicht so schlecht bezahlt, ein Beruf, in dem viele Flüchtlinge gearbeitet haben usw. … wenn über all das nachdacht würde, wäre das sehr schön!


Die Ausstellung Johanna Kandl. Konkrete Kunst wird am 8. Oktober im Essl Museum eröffnet und ist bis Ende Jänner 2016 zu sehen. Im Rahmen der Ausstellung lädt das Essl Museum und die Künstlerin zu einem Ausstellungsgespräch:

„Im Terpentinwald“, Johanna Kandl im Gespräch mit dem Fotografen Heinz Cibulka und dem Terpentin-Pecher Bernhard Kaiser, Samstag, 21.11. um 16.00 Uhr im Essl Museum, Eintritt frei!


Das geführte Interview wurde für diesen Beitrag gekürzt. Die Langfassung findet sich im Katalog zur Ausstellung, der über das Essl Museum Online Bookshop bzw. im Buchhandel zu erstehen ist.

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